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Zeit, auf den Tisch zu hauen!

Für Hebammen und für eine sichere Geburt! Aber was genau läuft denn aus Sicht der Hebammen so schief in der deutschen Geburtshilfe? Die Hebamme Sonja Liggett-Igelmund, die die neuste Protestwelle mit initiiert hat, erklärt, was genau dahinter steckt.

 

Als Sie im „Kölner Treff“ im WDR die kritische Situation der Hebammen in Deutschland  beschrieben und die Schauspielerin Hannelore Hoger daraufhin ordentlich auf den Tisch haute, haben Sie damit im Internet eine virale Protestaktion losgestoßen, die unter #AufdenTischhauenfürHebammen viele Menschen erreicht hat. Warum sind solche Proteste so wichtig für die deutsche Geburtshilfe?

Ich freue mich riesig, dass die Aktion so erfolgreich ist! Es ist das erste Mal, dass alles, was gerade in der Geburtshilfe schief läuft, öffentlich auf Facebook mit einer großen Welle an den Pranger gestellt wird. Die Hebammen weisen seit Jahren auf die Probleme in der Geburtshilfe hin und haben davor gewarnt, dass die Situation so wird, wie sie jetzt ist: Nämlich dass die Frauen die Leidtragenden sind. Jetzt sind die Frauen dran, für ihr Recht zu kämpfen!

 

Wo genau liegt denn das Problem?

Es gibt verschiedene Probleme. Das Hauptproblem ist, dass Frauen es immer schwerer haben, eine betreuende Hebamme zu finden, sei es zur Geburt oder zur Wochenbettbetreuung. Wir haben das Phänomen, dass 40 Prozent der Geburtsstationen in Deutschland schließen mussten. Das führt nicht nur dazu, dass Frauen bis zu einem Kreißsaal immer weiter fahren müssen, sondern auch dazu, dass die verbleibenden Kreißsäle immer voller werden, weil das Einzugsgebiet immer größer wird. Die Kreißsäle haben dabei nicht automatisch mehr Personal, im Gegenteil. Der Personalschlüssel ist häufig derselbe geblieben, sodass sich immer mehr werdende Mütter dieselbe Hebamme teilen müssen. Das heißt, die einzelne Frau sieht im Kreißsaal seltener ihre Hebamme, weil die sich gleichzeitig um so viele andere Frauen kümmern muss. Für die Frauen bedeutet das, dass sie unter der Geburt über lange Zeiträume alleine sind, vielleicht ist noch ihr Partner dabei. Die Hebamme aber kann nur immer mal wieder kurz reinspringen, nach dem Rechten sehen und muss dann schnell wieder weiter.

 

Das klingt nicht nach einer entspannten Geburt…

Nein, das ist nicht das was eine Frau unter der Geburt braucht. Sie braucht Betreuung, Beistand und das Gefühl, dass sie in sicheren Händen ist. Wenn sie dieses Gefühl nicht hat, kann es zum Beispiel dazu kommen, dass die Wehen nachlassen. Das Hormon Oxytocin, das man für Wehen braucht, ist wie ein scheues Reh. Bei Stress wird es nicht ausgeschüttet. Wenn dann der Arzt kommt und auf dem Wehenschreiber keine Wehe sieht, ordnet er eine wehenfördernde Infusion an. Mit diesem Tropf habe ich aber schon die erste Intervention. Das heißt, Personalmangel und die Umstände im Kreißsaal fördern eine interventionsreiche Geburtshilfe! Und das ist genau das, was keine Frau möchte. Sie möchte in Ruhe eine sichere und gesunde Geburt haben.

 

Gibt es denn eine Lösung für das Problem?

Würde ein Krankenhaus mit einer Spontangeburt immer gleich viel Geld verdienen und ich unterstreiche VIEL Geld – soviel wie es für einen Kaiserschnitt erhält— , dann könnte eine Klinik mehr Hebammen einstellen. Wenn ich im Kreißsaal mehr Hebammen habe, haben auch die Frauen eine größere Chance auf eine 1:1 Betreuung. Durch diesen Beistand fördere ich physiologische Prozesse im Körper der Frau, wodurch die Interventionsrate sinkt – und damit automatisch auch die Kaiserschnittrate. Eine Geburt muss also unbedingt besser bezahlt werden! Nicht, so wie es momentan ist, wie eine Blinddarmoperation.

 

Welche Probleme entstehen noch durch den Personalmangel der Hebammen?

Hebammen, die in Deutschland im Schichtdienst im Krankenhaus arbeiten, sind absolut am Limit. Das kann man eine Weile machen, aber dann wird man irgendwann krank. Dann müssen Kolleginnen für die Kranken einspringen. Das erhöht den Druck auf die Hebammen – auf die Kollegin, die krank ist, aber auch auf die, die einspringen. Je mehr Druck desto mehr Krankheit. Das sind in den Teams unglaublich schwierige Situationen. Und wenn die Hebammen an ihrem freien Tag immer damit rechnen, dass der Kreissaal anruft und sagt, du musst heute einspringen, gibt es keine Regenerationsphase mehr. Solche Umstände macht kein Berufszweig gerne mit. Es ist überhaupt nicht so, dass Hebammen nur wegen ihrer schlechten Vergütung jammern würden. Das Problem ist die Überbelastung im Schichtdienst. Fast keine Hebamme arbeitet mehr in Vollzeit. Sie geht also in Teilzeit, ihr Rentenanspruch später sinkt. Wir haben einen Beruf mit einem doppelten Problem: Es ist ein schlecht bezahlter Frauenberuf, der sich ausschließlich um Frauen kümmert. Politische Entscheider sind nun mal bis heute hauptsächlich männlich…

 

Warum ist es denn so schwer, Geburten und Hebammen ordentlich zu bezahlen?

Eine Ursache dafür sind die Krankenkassen. Das DRG-System, also die diagnosebezogene Fallgruppen-Abrechnung, nach der im Krankenhaus alles bezahlt wird, wird auch auf eine Geburt angewendet. Das ist falsch! Denn eine Geburt ist keine Krankheit. Ich muss bei einer spontanen, gesunden Geburt genau so viel Geld geben, wie bei einem Kaiserschnitt. Denn ich stelle ja alles bereit. Das bildet das DRG-System aber nicht ab. Es misst nur, wenn aktiv etwas getan wird, wenn interveniert wird. Die wichtigsten Maßnahmen bei einer Geburt sind aber: Da sein, anfeuern, Sicherheit geben, mit Erfahrung der Frau zur Seite stehen. Das ist in diesem Bezahlsystem nicht erfassbar.

 

Kreißsäle kümmern sich auch um schwangere Frauen, die noch nicht zur Geburt kommen. Warum ist das ein Problem?

Ja, auch das ambulante System muss verbessert werden: Niedergelassen Gynäkologen schicken ihre Patientinnen Mittwoch- und Freitagnachmittag, Samstag und Sonntag zur Betreuung in den Kreißsaal. Damit verdient der Kreißsaal kein Geld, er muss sie aber übernehmen. Jene Hebammen, die eigentlich neben den gebärenden Frauen sitzen sollten, machen dann auch noch die Ambulanz. Zugespitzt formuliert: Schicken niedergelassene Gynäkologen Frauen in die Klinik, die noch nicht unter der Geburt sind, stehlen sie damit den Frauen, die gerade ihr Baby bekommen, die Hebammen. Und dieses Finanzierungssystem muss ganz dringend überarbeitet werden. Es muss Notfallambulanzen für Schwangere geben, denn sie gehören nicht in den Kreißsaal.

 

Das klingt in Ihren Worten nach einer großen Baustelle.

Es ist ein riesen Katastrophensystem! In mehreren Ebenen. Denn wir haben noch ein Problem und zwar ein sehr großes: Wir sind in Deutschland eine Solidargemeinschaft der Krankenversicherten. Wenn ich mir ein Bein breche, zahlen alle, die bei meiner Krankenkasse versichert sind, zusammen meinen Gips. Das ist schön. Wird ein Kind geboren, ist es aber nicht in dieser Solidargemeinschaft. Es bleibt erst einmal außen vor. Hat dieses Baby unter der Geburt – oder vermeintlich unter der Geburt – ein gesundheitliches Problem, dann beginnt die Suche nach einem Verantwortlichen, sprich jemandem, der die Kosten trägt. Die Krankenkassen wollen meist gerne, dass die Haftpflichtversicherung der Hebamme, die bei der Geburt die Verantwortung hatte, die lebenslange Therapie dieses Kindes bezahlt – inklusive der Kosten, die auf einen zukommen, wenn ein kranker Mensch nicht arbeiten und niemals in die Rentenkasse einzahlen kann. So steigen die Haftpflichtsummen immer weiter – und immer mehr freiberufliche Hebammen steigen aus. Das ganze System ist an allen Ecken und Enden einfach paradox.

 

Was können Mütter tun, um Hebammen zu unterstützen – und letztlich sich selbst helfen?

Das Thema muss in jeder Frauenzeitschrift stehen, es muss Gespräch an jedem Wahlstand sein, es muss ein Proteststurm der Versicherten bei den Krankenkassen auflaufen. Man muss an allen Schrauben drehen und überall das Thema nach vorne bringen. Die Proteste müssen in der Bundesregierung ganz oben ankommen! Es reicht nicht, wenn nur die Hebammen und die Mütter trommeln. Allen Frauen muss das jetzt bewusst sein und sie müssen gemeinschaftlich etwas tun!

 

Sonja von #AufdenTischhauenfürHebammenSonja Ligett-Igelmund ist seit 20 Jahren Hebamme. Neben ihrer Arbeit in einem Kölner Krankenhaus setzt sie sich mit ihrem Verein „Meeting Bismarck“ besonders für die Geburtshilfe in Ghana ein.  #StillenfürAfrika 

www.meeting-bismarck.de