Beckenboden in der Schwangerschaft und nach der Geburt

Beckenboden-Alarm: Hilfe, werde ich jetzt inkontinent?

Ein prustendes Lachen, ein Niesen – und plötzlich tröpfelt es. Hilfe, werde ich jetzt inkontinent? Physiotherapeutin und Beckenboden-Spezialistin Franziska Liesner erklärt, was dir jetzt hilft.

Viele Frauen haben nach der Geburt das Gefühl, das Wasser nicht mehr richtig halten zu können. Was ist da passiert?

Da gibt es drei mögliche Gründe: Der Einfachste ist, dass sich im Laufe der Schwangerschaft eine Muskelschwäche eingestellt hat. Durch die Geburt und die damit verbundene starke Überdehnung hat sich diese noch verstärkt. Es kann aber auch eine Bindegewebsschwäche vorliegen: Die Harnröhre wird nicht mehr richtig vom Bindegewebe gehalten. Der dritte Grund ist, dass sich durch die Geburt die Strukturen der Muskulatur oder des Bindegewebes verändert haben. Allerdings muss man sagen: Die meisten Frauen haben von jedem der drei Gründe etwas. Wichtig ist, dass man gleich etwas tut. Bitte nicht denken: Das hat jede Frau, das gehört dazu! Lieber gleich aktiv werden, zum Arzt gehen und sich Krankengymnastik verschreiben lassen, um den Beckenboden zu stärken.

Der mysteriöse Beckenboden: Welche Funktion hat er?

Ganz banal ausgedrückt: Der Beckenboden schließt den Körper nach unten hin ab und hält die Organe. Er ist sehr dünn – obwohl die Organe ständig auf ihm ruhen. Mit jeder Bewegung erhöht sich der Druck der Organe auf den Beckenboden. In der Schwangerschaft, wenn man noch zusätzlich das Gewicht des Babys und des Fruchtwassers mit sich herumschleppt, verstärkt sich der Druck. Das ist schon eine sehr starke Belastung, denn der Beckenboden muss immerzu dagegenhalten. Gleichzeitig muss er sich aber auch öffnen können, z.B. um Wasser zu lassen oder für den Stuhlgang. Er muss also auch dynamisch sein. Dieses Halten und Öffnen bedeutet eine große Beanspruchung.

Welchen Einfluss hat der Beckenboden auf die Schwangerschaft und die Geburt?

In der Schwangerschaft wird der Beckenboden durch die Hormone weich und elastisch. Das ist gut so, denn nur dann ist es möglich, dass der Beckenboden sich unter der Geburt ausreichend weitet. Dadurch, dass seine ganze Struktur weich und elastisch wird, haben aber viele Frauen zugleich Probleme in der Schwangerschaft, spüren einen starken Druck nach unten zwischen den Beinen. Während der Geburt muss sich der Beckenboden dann öffnen: Der Beckenboden ist wie ein Rollkragenpullover. Den trägt man eng am Hals. Beim An- und Ausziehen muss der Kopf durchgehen. Dazu muss er sich unheimlich weit dehnen. Zugleich muss er anschließend wieder schmal werden, um eng am Hals zu sitzen.

Kann man den Beckenboden auf die Geburt vorbereiten?

Ja! Schon in der Schwangerschaft kann und sollte man Übungen machen zum An- und Entspannen. Durch das Anspannen verstehen viele Frauen auch erst mal die Funktion des Beckenbodens. Übt man das aktive Entspannen, bekommt man das meist auch während der Geburt gut hin.

Welche Übungen empfehlen Sie Ihren Patientinnen in der Schwangerschaft?

Um den Zugang zum Beckenboden zu finden, rate ich immer, den After zu schließen, als würde man eine Blähung zurückhalten. Anschließend bzw. gleichzeitig hebt man den Afterschließmuskel nach oben hoch. Mit diesem Bild können viele Frauen etwas anfangen. Man kann aber auch die Harnröhre so schließen als würde man den Urinstrahl auf der Toilette anhalten und dann nach oben Richtung Kopf ziehen. Damit trainiert man den vorderen Teil des Beckenbodens. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Übungen immer aus zwei Komponenten bestehen: Schließen und Heben.

Wie oft sollte man diese Übungen machen?

Täglich. Beim schnellen leichten Anspannen am besten zehn Wiederholungen. Kurze Pause. Dann wieder zehn Wiederholungen. Pause. Und dann noch mal zehn Wiederholungen. Gleichzeitig sollte auch geübt werden, den Beckenboden langsam anzuspannen und diese Spannung zu halten. Also Halten und bis zehn zählen, dann wieder loslassen.

Und nach der Geburt?

Nach der Geburt geht es darum, den Beckenboden zu festigen, um den Zustand vor der Schwangerschaft möglichst wiederherzustellen. Erstmal sollte man den Beckenboden unbedingt schonen. Gerade in unserer heutigen Zeit wollen alle Frauen schnell wieder fit sein und perfekt aussehen. Das geht aber gar nicht. Aus meiner Sicht als Physiotherapeutin sollte sich die Frau nach der Geburt wirklich acht Wochen immer wieder hinlegen und sich schonen. Am besten packt sie sich dabei so oft wie möglich ein Kissen unter den Po, damit der Beckenboden hochgelagert und entlastet wird.

Gerade wenn es ältere Geschwister gibt, sind lange Ruhephasen kaum möglich. Ihr Rat?

Hat man im Kopf, dass man sich schonen sollte, ist das schon mal gut. Dann ist man schon vorsichtiger, vermeidet unnötig viel zu laufen und stillt zum Beispiel auch mal im Liegen. Sehr gut ist es auch, wenn die Frau gleich am Tag nach der Geburt mit sanften Übungen beginnt.

Welche Übung empfehlen Sie?

Zum Beispiel auf den Rücken liegend das Becken vorsichtig hin und her zu rollen, Richtung Hohlkreuz und Rundrücken. Durch die unglaubliche Dehnung während der Geburt, fühlt die Frau häufig ihren Beckenboden nicht mehr. Durch diese einfache Übung kommt das Gefühl für den Beckenboden wieder zurück.

Was sollte man nach der Geburt lieber sein lassen?

Schweres Heben und Pressen beim Stuhlgang.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Ein Alarmsignal ist ein Tröpfeln beim Husten, Niesen oder Lachen. Wenn das schon in der Schwangerschaft auftritt, sollte man es unbedingt seinem Frauenarzt mitteilen, damit dieser Krankengymnastik verschreibt. Spürt man Monate nach der Geburt zwischen den Beinen ein starkes Druckgefühl nach unten, ist das ein Zeichen für eine mögliche Senkung der Organe – also Blase, Gebärmutter und Darm. Diese drängen nach unten, beispielsweise in die Scheide hinein. Das wird besonders im Alter zum Problem. Viele Frauen müssen in späteren Lebensjahren deshalb operiert werden. Hier ist es nötig, frühzeitig eine Prophylaxe zu betreiben.

Kann man den Beckenboden eigentlich in jedem Alter trainieren?

Ja! Natürlich ist es am besten, mit dem sanften Training gleich nach der Geburt zu beginnen. Wenn man das aber verpasst hat, kann man den Beckenboden aber auch später trainieren. Es ist nie zu spät für Rückbildung!

 

Franziska Liesner, 52, ist Physiotherapeutin, Heilpraktikerin und Pilateslehrerin. In Hamburg betreibt sie ihre Praxis „Stabile Mitte“, mit dem Schwerpunkt Beckenboden. Gleichzeitig hat sie mit 20 Jahren Erfahrung in diesem Gebiet auch Online-Programme für den Beckenboden/Bauch entwickelt.
stabile-mitte.de; physio-stabilemitte.de

Buch-Tipp: „Mein Beckenbodenbuch. Mehr Kraft, erfüllte Sexualität, beweglicher Rücken.“ von Franziska Liesner. Trias Verlag, 136 S., 17,99 Euro.


Veröffentlicht: 11 Apr, 2019

Medela

Medela

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden und Bekannten
previous arrow
next arrow
Slider