Was kann man tun, wenn nach der Geburt des Kindes die Beziehung kriselt. Wir haben eine Familientherapeutin gefragt.

Was hilft, wenn die Beziehung nach der Geburt kriselt?

Ihr schwelgt im Babyglück, aber das Liebesglück leidet? Dann geht es dir und deinem Partner wie vielen jungen Eltern. Familientherapeutin Astrid Draxler kennt Strategien, wie das Baby nicht zum Beziehungskiller wird.

 

Erst freut man sich über Monate, kann die Geburt kaum erwarten. Schon kurz darauf ist bei vielen Paaren alles nicht mehr so toll, es kriselt heftig. Weshalb ist das so, Frau Draxler?

Es gibt plötzlich unglaublich viele Dinge, die neu zu meistern sind. Beide müssen ihre eigene Rolle als Mutter und als Vater erst mal finden. Die wenigsten Paare haben heutzutage vor der Geburt ihres eigenen Kindes viel Erfahrung mit einem Baby gesammelt. Kommt dann das eigene Kind zur Welt ist da natürlich sehr viel Liebe und großes Gefühl. Nun steht das Baby im Mittelpunkt und für die erste Zeit ist das richtig so. Gleichzeitig stehen die Eltern jeden Tag vor neuen Situationen und müssen entscheiden, was gut für sich und das Kind ist. Dazu bräuchte das Paar oftmals mehr Zeit, um darüber reden zu können. Die meisten von uns haben aber ohnehin nicht gelernt auszudrücken, was sie gerade erleben.

 

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja. Viele Eltern sind überrascht wie stark sich ihre Paarbeziehung verändert, fühlen sich sehr hilflos und wissen nicht weiter, tun aber trotzdem so, als wäre alles toll, weil man dieses Gefühl eben haben müsste als junge Eltern.

 

 

Häufig trennen sich Paare, wenn das Kind drei oder vier Jahre alt ist.

Stimmt. Aber der Prozess, bei dem die Beziehung auseinander driftet, beginnt meist sehr viel früher, häufig bereits im ersten Lebensjahr des Kindes. Die Frauen erleben durch das Kuscheln und das Liebkosen mit dem Baby viel körperliche Nähe. Die Männer kommen abends nach der Arbeit nach Hause und fühlen sich oft ausgeschlossen aus dieser Innigkeit.

 

 

Das heißt, es Bedarf viel Verständnis vom Mann.

Ja, zum einen schon. Aber gleichzeitig muss die Frau auch versuchen, einen Weg zu finden, damit der Mann Zugang zu dieser großen Innigkeit bekommt. Seine Bedürfnisse sind genauso ernst zu nehmen. Sonst driftet die Beziehung eben schon in diesem frühen Elternstadium auseinander.

 

 

Ihr Rat?

Viele Frauen vermitteln ihren Männern leider, dass nur sie wissen, was das Baby gerade braucht. Das nehmen manche Männer dann als Anlass sich zurückzuziehen, weil ihnen zu wenig zugetraut wird. Da müssten dann auch die Männer drum kämpfen und sagen: „Ich bin der Vater, ich kann das auch lernen, auf meine Art!“ Sinnvoller wäre es, den Mann einfach mal machen zu lassen – ohne ihm vorher genaue Anweisungen zu geben. So signalisiert die Frau ihrem Partner: „Du schaffst das!“

 

 

Sich rund um die Uhr um ein Baby zu kümmern kann auch ganz schön anstrengend sein.

Natürlich. Es ist nicht immer nur toll, den Tag zu Hause mit einem oft schreienden Baby zu verbringen. Vielen Frauen fehlt die Wertschätzung, die sie vielleicht vorher im Beruf erfahren haben. Sie fühlen sich nur noch in ihrer Mutterrolle wahrgenommen und dabei oft auch vom Partner unverstanden.

 

 

Sollten Väter Elternzeit nehmen, um ihre Partnerin besser zu verstehen?

Ja, auf jeden Fall, denn um tiefe Verbindungen zu knüpfen, sich gut kennen zu lernen, braucht es Zeit. Zwischen dem Paar das sich als Eltern vertrauter wird und auch zwischen Vater und Baby. Das sollte gesellschaftlich und finanziell noch viel stärker unterstützt werden. Denn die frühe Bindung ist auf vielen Ebenen die Basis für ein gesundes Familienleben. Es zeigt sich ganz deutlich, dass die Männer dadurch ein besseres Gefühl für ihre neue Vaterrolle bekommen, mehr eingebunden in den Alltag mit Baby sind und sich ihrer Verantwortung genauer bewusst sind.

 

 

Welche Probleme sind noch typisch für frischgebackene Eltern?

Ist die Frau ständig mit dem Kind zusammen und der Mann kommt spätabends heim, möchte sie eher reden und er kuscheln. Auch hier gehen die Bedürfnisse ganz deutlich auseinander. Da braucht es den Mut, untereinander zu formulieren, welche Bedürfnisse man im Moment hat. Das gilt vor allem auch beim Thema Sex.

 

 

Inwiefern?

Nicht alle, aber ziemlich viele Frauen haben im ersten Lebensjahr des Kindes keine oder wenig Lust auf Sex. Wird das nicht offen ausgesprochen, irritiert das viele Männer, manche sind sogar verletzt oder gar eifersüchtig auf das Kind, das nun alle Aufmerksamkeit, Liebe und Zärtlichkeit der Partnerin abbekommt. Manchmal wirken sich aber auch beim Mann die Erlebnisse z.B. während einer schwierigen Geburt, stark auf das Liebesleben aus, und er braucht Zeit. Wichtig ist, dieses Problem nicht zu verdrängen, sondern gemeinsam darüber zu reden Und es ist wichtig zu wissen, dass es nicht so bleibt, dass die Paarbeziehung weiter bereichernd sein kann.

 

 

Bei vielen Paaren steht nach der Geburt nur noch das Kind im Mittelpunkt der Beziehung. Ist das langfristig gut für die Partnerschaft?

Nein. Kurzfristig ja, langfristig nicht. Leider werden Kinder heutzutage leicht zum Projekt. Sie sind so etwas Besonderes in unserer Gesellschaft geworden, dass man als Eltern die Erziehung auch ganz besonders gut machen will – und sich dabei als Paar oftmals aus den Augen verliert.

 

 

Ihr Lösungsvorschlag?

Natürlich muss man als Eltern wissen, welche Bedürfnisse ein Baby oder Kleinkind hat. Auf der anderen Seite ist es wichtig zu schauen, wie ich mein Leben, meine Interessen, was mich als Mann oder Frau ausmacht, auch meinem Kind zeigen kann.

 

 

Das müssen Sie erklären.

Es tut keinem Kind gut, wenn es in den Mittelpunkt des Lebens gestellt wird, jede kleinste Regung beobachtet und kommentiert wird. Stellen Sie sich vor, man wäre als Erwachsener ständig unter Beobachtung, alles, was man macht, würde erkannt, bewertet und gedeutet. Wie schrecklich!

 

 

Also sollten junge Eltern ihrem Kind lieber weniger Beachtung schenken?!

So würde ich es nicht formulieren. Die echten Bedürfnisse der Babys müssen prompt und zuverlässig beantwortet werden. Aber wenn sie genug bekuschelt, satt und wach sind, kümmern sich Kinder auch gerne um sich selbst und erforschen die Welt. Dann können Eltern sich anderen Dingen zuwenden, wenn auch in gewissen Entwicklungsphasen nur kurz. Jedoch müssen Kinder auch erleben dürfen: „Ich bin dabei und darf dabei sein, aber ich bin nicht immer der Mittelpunkt!“ Wenn das von den Eltern gelebt wird, gibt es Zeiten, in denen es sich als Paar wieder gut anfühlt miteinander.

 

draxlerAstrid Draxler ist Geschäftsführerin der Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V. in München, Körper- und Familientherapeutin, Weiterbildnerin von FenKid® Eltern-Kind-Kursen (www.fenkid.de)

 

 

 

 

Welche Erfahrungen hast du mit deinem Partner in der ersten Zeit mit Baby gemacht? Wie habt ihr euch Freiräume geschaffen? Teile deine Erfahrungen mit uns und anderen Familien unter kontakt@medela.de oder auf Facebook.