Drei Hebammen für Uganda

Drei Hebammen in Uganda: „Die Frauen hier lassen sich von nichts beeinflussen“

Nach drei Monaten heißt es Abschied nehmen – aber vorher erwarteten die jungen Hebammen noch einige Herausforderungen. Hier kommt ihr Bericht über manuell gelöste Mutterkuchen, Zwillinge, die mit stundenlangem Abstand geboren werden und Motoradtaxis zur Geburt.

Drei wundervolle, ereignisreiche Monate in Uganda sind zu Ende. Wir sind in unserem Beruf deutlich gewachsen und sehr dankbar, in Deutschland solch eine gute und breit gefächerte Ausbildung bekommen zu haben. Denn von manchen Dingen hätten wir uns in der Ausbildung nie vorstellen können, sie einmal selbst zu tun. Kein Wunder, vieles übernehmen in Deutschland die Ärzte. In Uganda mussten wir selbst schnell reagieren. Zum Beispiel an dem Tag, als wir plötzlich vor der Aufgabe einer manuellen Plazentaablösung standen: Der Mutterkuchen wollte und wollte sich nicht lösen und die frisch gebackene Mutter blutete so sehr, dass wir nicht lange warten konnten und zu Tat schreiten mussten. Wenn man dann die glückliche Mutter mit Baby im Arm liegen sieht, ist das eigene Gefühl nahezu unbeschreiblich.

Ein unverhoffter Zwilling

Auch eine wundervolle Zwillingsgeburt durften wir in diesen letzten Wochen noch einmal miterleben. Die erst 18jährige Frau kam eines Abends mit leichtem Ziehen zu uns und wir tasteten bei der Untersuchung zunächst nur einen sehr großen Bauch. Bis dahin war niemandem während der Schwangerschaft aufgefallen, dass in dem Bauch zwei kleine Menschen heranwuchsen und auch für uns war es wirklich nicht eindeutig. Nach einigen Stunden, in denen wir die Mama sehr genau überwachten, da ihr Blutdruck etwas erhöht war, gebar sie ihre erste Tochter, eine zarte nur 1.600 Gramm leichte kleine Dame. Da war schnell klar, dass noch ein zweites, größeres Kind auf seine Geburt wartete. Es dauerte aber etwas, bis die Wehen wieder einsetzten. Es ist ganz normal, dass zwischen Zwillingskindern manchmal etwas Zeit vergeht, aber was uns die einheimische Hebamme erzählte, erstaunte uns dann doch: Sie sagte, dass im Geburtshaus vor einem Jahr Zwillinge geboren wurden, die 26 Stunden auseinander waren! In Deutschland würde man so etwas wohl nie erleben. Aber so lang es dem Kind im Bauch gut geht und der Mutter auch, kann man durchaus einige Zeit warten. Die schwerere, jüngere Schwester wurde dann schließlich etwa zweieinhalb Stunden später mit 2,4 Kilo geboren. Die Familie der jungen Mutter war so glücklich, wie unvorbereitet, aber in unserer Spendenkammer fanden sich einige Kleider, um die beiden Mädchen einpacken zu können. Wir entließen sie schon zwei Tage später, obwohl wir die leichtere der beiden eigentlich noch etwas beobachten wollten, wegen des Gewichts. Aber schon nach einem Tag nahm zu und die Mutter wollte nach Hause. Meistens ist es eben auch wie bei uns in Deutschland, zu Hause kann man sich am besten erholen – vor allem wenn man wie in Uganda meist die ganze Familie um sich hat, die einen mitversorgt.

Bloß nicht ins Krankenhaus!

Anders ist es leider im Krankenhaus. Für uns war es immer sehr bedrückend die Frauen nach Lacor zu bringen. Die Frauen müssen hier auf Operationstisch ähnlichen Betten in Rückenlage gebären, die nur durch Vorhänge getrennt sind. Sechs solcher Betten stehen nebeneinander. Wenn das Baby geboren ist, wird es einfach auf eine Ablage gelegt, bis ein Arzt Zeit hat, um es sich anzuschauen. Dann wird es eingewickelt und der vor der Tür wartenden Familie übergeben. Währenddessen sollte die frisch gebackene Mutter idealerweise die Plazenta geboren haben und muss sich ans Waschen der Bettunterlagen machen, bevor sie endlich ihr Baby in den Arm nehmen kann und sich ausruhen darf. Nachdem wir diesen Ablauf im Krankenhaus einmal verstanden hatten, konnten wir verstehen, warum teilweise sogar Frauen aus der Stadt zu uns aufs Land kamen, um im Geburtshaus gebären zu können.

Frühchengeburt im Klinikstress

Bei einer Frühchenmutter hatten wir dennoch keine andere Wahl: Sie war erst in der 27 SSW und der Muttermund war schon fast komplett eröffnet, als sie zu uns kam. Das Baby tobte noch kräftig im Bauch umher und so leiteten wir eine sofortige Verlegung ins Krankenhaus ein, in der Hoffnung, die Wehen würden sich beruhigen und dem Kind vielleicht doch noch einige Zeit im Bauch geschenkt. Als wir im Krankenhaus ankamen, empfingen uns mal wieder die total überforderten Hebammen dort. Wir versuchten ihnen zügig klar zu machen, warum wir kommen, aber das ist nicht immer so einfach, denn die Hebammen laufen manchmal einfach vorbei, so im Stress sind sie. Im St. Marys Hospital in Lacor kommen täglich ca. 40 Kinder zur Welt und pro Schicht sind nur 3 Hebammen im Dienst (bei zwei Schichten: Tagschicht und Nachtschicht). So wurden wir nach einigem Warten empfangen und die Hebamme meinte, wir sollen doch bitte mit der Frau in die Abteilung für Fehlgeburten gehen. Wir waren total geschockt und machten ihr klar, dass das Kind lebte und durchaus Überlebenschancen hatte. Nachdem die Hebamme die Herztöne selbst gehört hatte, durften wir die Frau schließlich in den Gebärsaal bringen. Aber ganz ehrlich: Der Zustand im Krankenhaus hier ist echt teilweise menschenunwürdig. – Aber wie uns erzählt wurde, ist es in Lacor wohl noch um einiges besser als in den meisten Krankenhäusern des Landes. Unglaublich!

Mit dem Motorrad zur Geburt

Aber abgesehen von diesen speziellen Erlebnissen, gab es so viele wundervolle Geburten – insgesamt durften wir 50 Mütter bei der Geburt betreuen. Häufig passierte es, dass die Frauen schon „schiebend“ ankommen und ihr Kind innerhalb kürzester Zeit gebären. Die Frauen sind es gewöhnt, die Schmerzen zu Hause so lange wie möglich auszuhalten und rufen den Fahrer unserer Klinik recht spät. Und dann kommt die Fahrt auf dem Motorrad zu unserem Geburtshaus dazu, welche natürlich, durch das Geruckel, sehr förderlich für die Geburt ist!

Was wir mitnehmen…

Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Arbeit und Reise ist, glücklich zu sein mit dem was man hat. Die Menschen in Uganda haben uns gezeigt, dass es zum glücklich sein fast nichts braucht, vor allem keinen materiellen Besitz. Wenn man gesund ist, Familie und Essen hat, hat man alles was man braucht. Den Müttern hier in Deutschland wollen wir gerne mit auf den Weg geben: Hört auf euren Körper, lasst alles Geschehen wie es geschieht! Schwangerschaft ist ein Wunder und etwas Besonderes. Lasst euch auf die Veränderungen ein. Habt den Mut und den Glauben daran, dass alles richtig ist. Die Frauen in Uganda, lassen sich von nichts beeinflussen. Auch nicht beim Stillen: Nicht nachdenken, es kommt alles wie es kommt!

Wir danken den drei „Störchen“, Adriana, Lena und Kassiopeia, für ihre spannenden Berichte von ihrem Einsatz in Uganda!

Du hast einen Bericht verpasst? Hier sind alle noch einmal zum Nachlesen:

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Drei Hebammen in Uganda: „Ein kleines Wunder!“

Drei Hebammen in Uganda: „Einfach die Mutter in sich wachsen lassen!“