Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt?

Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt?

Das erste Baby kam per Kaiserschnitt zur Welt – was heißt das für weitere Geburten? Bei der Antwort gehen die Meinungen der Experten auseinander. Ein Interview mit Chefarzt Dr. Eckhard Röhrig, Leiter der Geburtshilfe der Frauenklinik Dr. Geisenhofer in München.

Nach einem Kaiserschnitt haben viele Frauen Angst vor einer weiteren Schwangerschaft. Zu Recht?

Nein, das ist völlig unbegründet. Wichtig ist nur, dass die Frau nach einer Geburt per Kaiserschnitt etwa ein Jahr abwartet bis sie wieder schwanger wird. Die Narbe vom Kaiserschnitt wird ja wieder neu belastet und muss dem Druck der Wehen standhalten. Ansonsten kann ich alle Frauen beruhigen: Auch nach einem Kaiserschnitt brauchen Sie keine Angst vor einer erneuten Schwangerschaft zu haben!

Ein Kaiserschnitt bedeutet aber doch immer eine Narbe an der Gebärmutter. Erhöht das nicht das Risiko in der Schwangerschaft?

Lassen Sie mich vorweg ganz kurz etwas erklären: Die Gebärmutter ist ein Muskel. Ein Muskel dehnt sich. Das ist von der Natur so vorgesehen. In dem Körperbereich, in dem Narbengewebe ist – also an der Stelle, an der bereits ein Kaiserschnitt gemacht wurde – ist allerdings keine Dehnung des Muskels mehr möglich, weil die Narbe nicht dehnbar ist. Ist die Belastung durch Wehen und Kontraktionen gegen Ende der Schwangerschaft größer als normal, besteht tatsächlich ein gewisses Risiko, dass die Narbe aufreißt. Zum Glück kommt das aber nur sehr selten vor.

Können Frauen nach einem Kaiserschnitt überhaupt noch natürlich gebären?

Ja, nach nur einem Kaiserschnitt ist das auf jeden Fall möglich. Das Risiko für eine vaginale Geburt nach vorangegangenem Kaiserschnitt ist etwas erhöht.

Oft liest man, dass es zu einer Uterusruptur kommen kann. Wie häufig kommt das tatsächlich vor? Und was bedeutet das genau?

Hierbei handelt es sich insbesondere für das Ungeborene um eine lebensbedrohliche Komplikation, denn die Gebärmutter reißt während der Geburt im Bereich der alten Narbe. Zum Glück kommt das aber nur extrem selten vor. Durch eine engmaschige Kontrolle vor dem errechneten Geburtstermin kann der Arzt auch ganz gut beurteilen, wie hoch das Risiko dafür ist.

Was ist, wenn eine Frau schon zwei Kaiserschnitte hatte? Ist hier eine spontane Geburt noch möglich?

Ja, aber ich würde davon abraten. Das Komplikationsrisiko ist zu groß.

Manche Ärzte raten, wie Sie, nach zwei Kaiserschnitten bei der dritten Geburt sofort zum Kaiserschnitt, andere Mediziner sind der Meinung, dass selbst nach drei Kaiserschnitten noch eine Spontangeburt möglich ist. Warum gehen die Meinungen hier so auseinander?

Weil es auch hier wie so oft in der Geburtshilfe sozusagen Trends gibt: Einige Ärzte, speziell an den Unikliniken, sagen momentan, dass selbst nach zwei Kaiserschnitten eine natürliche Geburt möglich ist. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Risiken groß sind. Deshalb empfehlen viele Mediziner nach zwei Kaiserschnitten jedes weitere Kind auch per Kaiserschnitt zu entbinden. Ich persönlich halte das auch für den besten Weg für Mutter und Kind.

Unter welchen Voraussetzungen ist eine Spontangeburt nach zwei Kaiserschnitten noch möglich?

Wenn die vorausgegangenen Operationen unkompliziert waren. Wenn das Ungeborene nicht sehr groß ist. Eine ausführliche Aufklärung über die Risiken ist hier äußerst wichtig. Auch nach dem zweiten Kaiserschnitt muss die Frau mindestens ein Jahr abwarten bevor sie wieder schwanger wird. Neueste Empfehlungen aus den USA mit einer großen Anzahl an Untersuchungen besagen, dass die Geburt nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt nicht eingeleitet werden soll. Hierbei ist das Risiko erhöht, dass es zu einem Riss der inneren Narbe kommt.

Welche medizinischen Umstände erfordern immer eine operative Entbindung?

Normalerweise ist das der Fall, wenn sich das erste Kind in Beckenendlage positioniert hat – also statt mit dem Kopf mit den Beinen voraus liegt. Auch hier gibt es in der Geburtshilfe aber momentan unterschiedliche Meinungen: Obwohl das Risiko bei einer Spontangeburt definitiv erhöht ist, sagen einige Universitätskliniken, dass diese bei einer Beckenendlage möglich ist. Weitere medizinische Gründe, die immer eine operative Entbindung erfordern, sind vorangegangene größere Operationen an der Gebärmutter. Auch wenn die Frau beispielsweise schon mal einen Beckenbruch hatte, erfordert das eine Geburt per Kaiserschnitt. Ist erkennbar, dass das Kind deutlich mehr als viereinhalb oder fünf Kilo wiegt, muss immer eine ausführliche Aufklärung erfolgen und die Möglichkeit eines Kaiserschnitts erörtert werden. Allerdings kommt es auch immer auf die Größe und Konstitution der Frau an.

Was meinen Sie damit genau?

Ich hatte mal eine Frau, die war 1,90 Meter und hat ein 5,1-Kilo-Kind normal geboren. Das hat prima funktioniert – auch, weil sie nicht nur ausgesprochen groß war, sondern weil es zudem noch ihr drittes Kind war. Eine kleine, zierliche Frau hätte so ein Riesenbaby wahrscheinlich nicht natürlich gebären können.

Heutzutage wird der sanfte Kaiserschnitt nach Misgav-Ladach gemacht. Hat diese schonende Methode Vorteile für spätere Geburten und auch Kaiserschnitte?

Nein. Im Gegensatz zur klassischen Methode wird hier zwar größtenteils auf eine scharfe Durchtrennung der Bauchschichten verzichtet. Dadurch ist es möglich, Gefäße und Nerven zu schonen. Allerdings das hat mit der Narbenbildung an der Gebärmutter, auf die es ankommt, überhaupt nichts zu tun. Das bedeutet: Narbe bleibt Narbe. Diese Methode hat also keine Vorteile für spätere Geburten und auch Kaiserschnitte.

Wie kann man sich auf eine Geburt nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt vorbereiten?

Ganz normal wie auf jede andere Geburt auch. Die Entscheidung, ob es noch mal ein Kaiserschnitt wird, fällt ohnehin erst, wenn Wehen da sind. Vorher kann man gar nicht sagen, ob es ein Kaiserschnitt wird – es sei denn, das Baby ist riesig und wiegt mehr als viereinhalb oder fünf Kilo.

Ihr Rat an alle Frauen, die nach vorangegangenem Kaiserschnitt unsicher sind: Wie gewinnt man wieder Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit?

Zunächst kommt es darauf an, wodurch die Frau verunsichert ist. Hatte das erste Kind zum Beispiel eine Beckenendlage und ist das jetzt, beim zweiten Kind, nicht der Fall gibt es überhaupt keinen Grund verunsichert zu sein. Das sollte der behandelnde Frauenarzt der Schwangeren deutlich machen und versuchen, ihr die Angst zu nehmen.

 

Dr. Eckhard Röhrig Geisenhofer FrauenklinikUnser Experte:

Dr. Eckhard Röhrig, 65, ist Chefarzt und leitender Arzt der Geburtshilfe an der Frauenklinik Dr. Geisenhofer in München. Jährlich kommen hier rund 2500 Babys zur Welt.