Fruehkindliche Bindung ist das aller Wichtigste. Hier ein paar Tipps.

Frühkindliche Bindung: Die Kraft des Urvertrauens

Erlebt ein Säugling nach der Geburt Urvertrauen und Sicherheit, stabilisieren ihn diese Gefühle ein Leben lang. Wie Eltern lernen, auf die Signale ihres Babys einzugehen. Ein Interview mit Ilka-Maria Thurmann, Diplom-Pädagogin, systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin und Heilpraktikerin aus Bad Homburg.

 

 

Ganz wichtig ist, dass ein Baby emotionale Sicherheit entwickelt. Welche Rolle spielt das Urvertrauen dabei?

Es ist die wichtigste Grundlage, die man im Leben mitbekommen kann. Wird dieses tiefe Gefühl von Geborgenheit in der frühen Kindheit und der vorgeburtlichen Lebenszeit geschaffen, bekommt man später eine andere Kompetenz, um mit schwierigen Situationen im Leben und im Alltag umzugehen.

 

Wie lässt sich Urvertrauen aufbauen?

Das Baby braucht vor allem feste Bindungs- und Bezugspersonen. Das sind in der vorgeburtlichen Phase und in den ersten Lebensjahren die Eltern, vor allem die Mutter. Wichtig ist, dass die Eltern viel Zeit mit dem Baby verbringen und auf dessen Bedürfnisse unverzüglich eingehen.

 

Das müssen Sie erklären.

Gleich nach der Geburt hat das Baby das Bedürfnis nach Haut- und Blickkontakt und Ansprache. Es geht aber auch darum, ganz banal versorgt zu werden: Das Baby schreit und wird von Mutter oder Vater hochgenommen und getröstet. Dadurch lernt es: „Mutter und Vater sind da, wenn ich sie brauche!“

 

Gerade die ältere Generation rät oft: „Lass es doch mal schreien! Du verwöhnst ja das Kind!“ Davon lassen sich vor allem junge Eltern oft verunsichern.

Stimmt. Dabei kann man ein Baby in den ersten sieben Lebensmonaten gar nicht verwöhnen. Diese Lebensphase dient ausschließlich der Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Essen, Schlaf, Berührung, Pflege und Aufmerksamkeit. Erst danach beginnt so etwas wie eine Ich-Entwicklung. Das Baby lernt, dass die Mutter kommt, wenn es schreit. Daraus kann sich ein Kommunikationsspiel entwickeln.

 

Wie können Eltern ihrem Baby Sicherheit vermitteln?

Rhythmus und Kontinuität sind ganz wichtig. In den ersten Lebensmonaten ist alles neu für das Baby. Es ist sehr gut, dass es Dinge gibt, die wiederkehren wie etwa der feste Wickelplatz, das Stillen oder das abendliche Baden. Babys lieben Wiederholungen und immer wiederkehrende Abläufe. Feste Zeiten für Schlafen, Essen und Spielen geben den Kindern Sicherheit – sie können sich auf den Tagesablauf „verlassen“. Diese Kontinuität schafft Vertrauen. Für ganz kleine Babys ist aber auch Ruhe und ungeteilte Aufmerksamkeit ganz wichtig. Leider wird dieses wesentliche Grundbedürfnis heute nur noch selten vollständig erfüllt. Viele Mütter lassen sich durch ihr Smartphone ablenken und können sich nur schwer vollkommen auf ihr Kind konzentrieren.  

 

Was wird dem Kind dadurch vermittelt?

Das Gefühl, nicht gesehen, nicht wahrgenommen zu werden. Muss das Baby mit langem Schreien um die Hilfe und die Aufmerksamkeit kämpfen, erfährt es, dass seine Bedürfnisse nicht wichtig sind. Beim Baby kommt somit die Botschaft an: „Ich bin nicht wichtig genug!“

 

Ein schreckliches Gefühl.

Das Kind entwickelt dann im Laufe der Zeit seine eigenen Schutzstrategien, um seinen Mangel nicht zu fühlen – manche zeigen dominantes Verhalten oder geben furchtbar an. Sie erhöhen sich somit selbst, weil sie diese Aufmerksamkeit nicht von ihren engsten Bezugspersonen bekommen. Kommen diese Kinder in Kindergarten oder Schule, überschätzen sie sich oft selbst und lassen sich nichts von Erzieherin oder Lehrerin sagen. Sie sind wenig kritikfähig, können sich nicht anpassen – auch, weil die Mutter keine oder zu wenig Grenzen gesetzt hat. Urvertrauen erfährt das Kind letztendlich, wenn die Mutter seine Bedürfnisse wahrnimmt. Genauso gehört aber auch dazu, dass sie Grenzen setzt. Dadurch gibt sie dem Kind einen Rahmen, in dem es sich gut bewegen und entwickeln kann. Auch das schafft Sicherheit.

 

Welche positiven Folgen hat ein gut entwickeltes Urvertrauen im späteren Leben?

Erlebt ein Säugling nach der Geburt Urvertrauen und Sicherheit, stabilisieren ihn diese Gefühle sein Leben lang. Diese Menschen sind beziehungsfähiger. Sie besitzen ein gutes Selbstwertgefühl und vertrauen der Welt, dass sie es gut mit ihnen meint, es sich also zu leben lohnt. Durch die Geborgenheit und die Sicherheit entwickelt sich das Kind zu einer stabilen Persönlichkeit, die mit Krisen in der Regel gut umgehen kann und eine positive Lebenseinstellung hat.

 

 

 

Diplom Pädagogin Ilka-Maria Thurmann im Interview mit Medela

 

Dipl.-Päd. Ilka-Maria Thurmann, geb. 1958, ist Systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin und Heilpraktikerin in Bad Homburg. Seit 1992 betreibt sie dort eine eigene Praxis. Mehr Infos: www.praxis-thurmann.de