Schmetterlingskinder: Vom Albtraum Totgeburt

Schmetterlingskinder – Sternenkinder: Vom Albtraum Totgeburt

Es ist der Albtraum jeder Schwangeren und nach wie vor ein Tabuthema: eine Fehl- oder Totgeburt. Wie schmerzvoll das ist, weiß Daniela Deuser aus eigener Erfahrung – und unterstützt bei der Aktion Schmetterlingskinder andere Betroffene. Denn nach Expertenschätzungen enden bis zu 300.000 Schwangerschaften pro Jahr allein in Deutschland mit einer Fehl- oder Totgeburt. Ein Interview

 

Frau Deuser, sein Baby zu verlieren ist sicherlich die schlimmste Vorstellung aller werdenden Eltern. Sie haben Ihren Sohn 2008 im sechsten Monat verloren. Wie haben Sie diesen schrecklichen Schicksalsschlag erlebt?

Zuerst stand ich vor den Scherben meines eigenen Lebens. Unser Colin Joshua war ein absolutes Wunschkind. Ich hatte 2003 schon mal in der siebten Woche ein Baby verloren und war so glücklich, als ich endlich wieder schwanger war. Eigentlich verlief alles reibungslos – bis wir das Kinderzimmer kaufen gingen.

Was passierte damals?

Wie die meisten anderen Schwangeren musste auch ich ständig auf die Toilette. Während des Einkaufs ging ich auf die öffentliche Toilette und zog ich mir dabei eine bakterielle Infektion zu. Der Infekt war so stark, dass zwei Tage später die Fruchtblase platzte. Es war eine Ironie des Schicksals: Weil ich unter starker Schwangerschaftsübelkeit litt, arbeitete ich damals viel von Zuhause aus. Auch sonst verließ ich das Haus so gut wie nie – bis auf den einen Tag, an dem ich mit meinem Mann das Kinderzimmer kaufen ging.

Haben Sie sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte?

Vom Bauchgefühl her wusste ich tatsächlich sehr schnell, dass etwas nicht in Ordnung war. Als ich am nächsten Tag abends vor dem Schlafengehen routinemäßig meinen PH-Wert checkte war das Ergebnis so miserabel, dass ich sofort meine Hebamme anrief. Die beruhigte mich aber: „Mach dir keine Sorgen!“ Am nächsten Morgen kontrollierte ich erneut meinen PH-Wert. Er war nach wir vor so schlecht, dass ich gleich einen Termin bei meinem Frauenarzt vereinbarte. Als der mich wenige Stunden später untersuchte, war der Muttermund schon geöffnet und die Fruchtblase schaute heraus. Ich fragte den Arzt: „Dann werde ich bestimmt mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht?“ – „Das ist nicht notwendig“, antwortete er. „Sie können ruhig selbst mit dem Auto fahren.“ Ich konnte das erst gar nicht glauben, weil die Fahrzeit zum nächstgelegenen Krankenhaus mindesten eine halbe Stunde betrug. Zu allem Überfluss befand sich die Praxis im zweiten Stock und es gab keinen Aufzug. Ich musste also die vielen Treppenstufen zu Fuß hinabsteigen. Und das in meinem Zustand! Als ich schließlich im Kreissaal des Krankenhauses ankam, waren Hebammen und Ärzte vollkommen entsetzt. Natürlich hätte ich in meinem Zustand nicht mehr laufen dürfen! So hatte sich die Fruchtblase schon in die Scheide geschoben. Ich durfte nur noch liegen, bekam Antibiotika gegen die Infektion und einen Wehenhemmer. Medizinisch war das die absolut richtige Vorgehensweise.

Trotzdem kam es zur Frühgeburt.

Es war schrecklich: Der Wehenhemmer bekam mir nicht, ich musste mich ständig übergeben. Ich fragte die Hebamme, ob das denn in Ordnung sei – schließlich musste ich beim Erbrechen auch pressen. Sie meinte aber, dass das nicht schlimm sei. Ein Fehler: Die Fruchtblase wurde immer weiter nach unten gedrückt bis sie letztendlich ein paar Stunden später platzte. Am nächsten Tag kam dann unser Colin Joshua zur Welt. Ich war ja erst in der 22. Woche und mir und meinem Mann war klar, dass unser Kleiner keine Überlebenschance hatte. Eineinhalb Stunden nach der Geburt ist er dann verstorben. wenn es sich vielleicht seltsam anhört: Ich war glücklich, dass ich dieses Kind haben durfte. Es lag nach der Geburt ganz friedlich in meinen Armen und so konnte ich von ihm Abschied nehmen.

Viele Frauen würden nach solch einem Erlebnis verzweifeln. Sie beschlossen, anderen Betroffenen zu helfen.

Nach seinem Tod bekam unser Sohn ein Puppen-Rüschenkleid übergezogen, das noch nicht mal sein Geschlecht bedeckte. Ich fand das furchtbar, so würdelos. Seit meiner ersten Fehlgeburt fünf Jahre zuvor war ich im Forum der Schmetterlingskinder aktiv, hatte mich regelmäßig mit anderen Betroffenen ausgetauscht und war mittlerweile sogar mit dem Vorstand befreundet. Nach diesem Erlebnis beschloss ich, anderen Betroffenen zu helfen. Ich wollte meine Trauer in etwas Sinnvolles umsetzen.

Sie leiten heute die Aktion Schmetterlingskinder. Was genau machen Sie?

Seit 2009 haben wir 450 Entbindungskliniken und –stationen mit kostenfreien Abschiedsboxen versorgt. Diese enthält vor allem Kleidung für die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorbenen Kinder. Diese Kleidung wird von hunderten von ehrenamtlichen Helferinnen in ganz Deutschland und Teilen Österreichs gefertigt. Die Abschiedsbox enthält zudem noch zahlreiche Accessoires, die helfen sollen, einen würdigen und liebevollen Abschied vom verstorbenen Kind zu gestalten. So erhalten die Kliniken in liebevoller Handarbeit beschriftete Abschiedskerzen, aber auch kuschlige Abschiedsbettchen oder -körbchen, Abschiedskarten und Sargbeigaben.

Oft hilft es in dieser Situation, wenn man jemanden hat, der einem ganz in Ruhe zuhört. Sie bieten auch telefonische Unterstützung an.

Ja, für solche Fälle haben wir ein Telefonnetzwerk gebildet, in dem Frauen sich gegenseitig hilfreich zur Seite stehen. Alle Frauen, die telefonisch in diesem Bereich erreichbar sind, haben mindestens einmal selbst die Erfahrung machen müssen, ein Kind während oder kurz nach der Schwangerschaft hergeben zu müssen. Sie sind den langen Weg der Trauer gegangen und haben auf diesem Weg viel für das Leben mit dem Verlust gelernt, was sie gerne weitergeben – selbst wenn es manchmal auch einfach nur reicht, wenn man seine Trauer mit einem anderen Menschen teilen kann.

Die Trauer der meisten Eltern über den Verlust des Kindes ist überwältigend. Außer am Trauertelefon: Wo bekommen sie sonst noch Hilfe?

In unseren Trauer-Foren (über www.frauenworte.de erreichbar) können sich betroffene Eltern austauschen. Auf unserer Homepage gibt es auch eine Broschüre zum Download mit Infos dazu, wie Geburt und Abschied gestaltet werden können, welche Rechte die Eltern haben, wie und wo sie ihre Kinder beerdigen können. Außerdem vermittelt sie gezielte Hilfe vor Ort in Form von Bestattungsinstituten, Selbsthilfegruppen und Grabfeldern für die Sternenkinder.

Wie wird im Klinikbetrieb mit Fehlgeburten oder Totgeburten umgegangen?

Aufgrund der großen Tabuisierung des Themas werden die Geburt und Abschied von Sternenkindern in den Kliniken oft schlecht betreut und behandelt. Leider kommt das Thema Fehl- oder Totgeburt in der Hebammenausbildung auch so gut wie gar nicht vor. Hier setzt unser Projekt ebenfalls verstärkt an, indem regionale und überregionale Schulungen angeboten und durchgeführt werden. Ziel ist, die Schulungen der Hebammen noch weiter auszubauen. Allerdings ist das gar nicht einfach, denn das Projekt basiert ausschließlich auf Spenden.

Für Freunde, Eltern oder Partner scheint es oft sehr schwierig zu sein, mit trauernden Müttern umzugehen. Ihr Rat?

Öffnen sie ihre Herzenstüren und hören sie einfach nur zu. Sagen sie nichts. Fragen Sie! Seien Sie einfach nur da!

Was hat Ihnen geholfen?

Ich habe viel darüber gesprochen. Das hat mir geholfen, meine Trauer zu bewältigen. Vor drei Jahren kam meine Tochter Caillean zur Welt. Ein süßes Mädchen, das mich sehr glücklich macht. Trotzdem ist ein Stück meines Herzens immer im Himmel. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen, dass mich der Verlust meines Sohnes in ein besseres Leben geführt hat. Wenn man den Tod so nah erlebt, weiß man viele Dinge mehr zu schätzen, lebt bewusster. Durch meine Tätigkeit bei der Aktion Schmetterlingskinder habe ich meine Trauer in Engagement und positive Kraft umgewandelt. Das ist ein schönes Gefühl.

 

Im Jahr 2012 wurde das Projekt „Aktion Schmetterlingskinder“ von der vom Bundespräsidenten getragenen Initiative „Land der Ideen“ als „Ausgewählter Ort 2012“ geehrt, was es als besonders innovativ und zukunftsweisend auszeichnete. Im Jahr 2013 wurde es vom hessischen Sozialministerium mit dem Ehrenamtspreis für soziales Engagement ausgezeichnet. www.aktion-schmetterlingskinder.de