Spielen Papas anders?Rollenklischees im Kinderzimmer

Entwicklung: „Kinder profitieren von Unterschieden zwischen den Elternteilen“

Mama bastelt, Papa baut und rauft. Soweit das Rollenklischee im Kinderzimmer. Aber stimmt das auch? Spielen Eltern wirklich so unterschiedlich? Wir haben den Psychotherapeuten und stellvertretenden Vorsitzenden der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, Bodo Reuser, gefragt.

 

Herr Reuser, immer wieder heißt es, wie wichtig das „wildere“ Papa-Spiel angeblich für die Kleinen ist. Aber spielen Väter tatsächlich anders als Mütter?

Väter sind häufiger risikobereiter, Mütter hingegen sind eher vorsichtiger oder beschützender. Das soll jetzt kein Rollenklischee sein, aber dieses Verhalten wird häufig beobachtet. Ohne, dass sie es vielleicht wollen, bremsen viele Mütter ihre Kinder beim Spielen etwas, weil sie eben vorsichtiger sind. Väter sind eher draufgängerisch und ermuntern die Kleinen oft, mutig zu sein und auch mal ein kleines Risiko einzugehen.

 

Das Kind profitiert also besonders vom Spielen mit dem Vater?

Sagen wir es so: Wir Menschen haben zwei Tendenzen. Zum einen brauchen wir bzw. unsere Kinder Sicherheit und Geborgenheit. Auf der anderen Seite wollen wir – wenn wir uns genügend geschützt und sicher fühlen – die Welt entdecken. Für Schutz und Geborgenheit steht eher die Mutter. Das Bedürfnis nach Autonomie und die Lust, Neues auszuprobieren, verkörpert hingegen der Vater.

 

Es gibt aber auch Bungee-Jumping-Mamas und Väter mit Höhenangst…

Ja, natürlich war das jetzt überspitzt formuliert. Wichtig ist, dass das Kind von beiden Elternteilen Sicherheit erfährt und im Autonomiebestreben von beiden unterstützt wird. Generell lässt sich sagen, dass Kinder von den individuellen Unterschieden beider Elternteile profitieren. Egal, ob Vater oder Mutter – von beiden können sie sich etwas abschauen, etwas Neues lernen. Das Kind profitiert von der Unterschiedlichkeit von Mutter und Vater: Der eine geht lieber in die Natur, der andere liebt Brettspiele. Für Kinder sind diese Unterschiede wertvoll, weil sie dadurch immer neue Reize bekommen und herausgefordert werden. Das fördert ihre geistige und seelische Entwicklung.

 

Ist der Vater tatsächlich recht draufgängerisch, die Mutter aber eher vorsichtig, kann das schnell zu Streit führen.

Stimmt. Die Partner sollten sich dann trotzdem nicht gegenseitig torpedieren. Also nicht pauschal sagen: „Sei nicht so wild!“ oder „Sei doch nicht immer so ängstlich!“ Stattdessen lieber sehen, dass die jeweilige Eigenart für das Kind eine Chance ist, etwas Neues zu erfahren.

 

Vor allem kleinere Kinder lieben Rollenspiele. Was kann ich tun, wenn mir als Papa dieses Spiel nicht liegt oder ich mir albern vorkomme?

Nicht vorschnell aufgeben, sondern sich auch mal auf etwas Neues einlassen – vielleicht entdecken Sie dabei Freude oder ungeahnte Talente. Wenn einige Versuche aber zeigen, dass z.B. kindliches Rollenspiel nichts für Papa ist, dann sollte man es auch nicht machen! Wäre ja sonst gekünstelt. Man wäre verkrampft und nicht bei der Sache, weil es einem eben innerlich widerstrebt. Das würde das Kind schnell spüren. Es könnte sein, dass es das Verhalten des Vaters völlig falsch interpretiert. Es würde nicht denken: Der Papa strengt sich für mich an, aber es läuft nicht gut. Sondern es könnte stattdessen glauben: Der Papa will eigentlich nichts mit mir zu tun haben. Deshalb lieber gleich ganz klar sagen: „Rollenspiele mag ich nicht so gern. Die machst du besser mit der Mama oder dem Opa. Lass uns lieber etwas anderes spielen.“

 

Manche Väter fühlen sich gerade mit Babys zu Anfang unbeholfen und wissen nicht so recht, was sie mit dem Winzling anfangen sollen. Ihr Rat?

Lassen Sie sich auf die neue Situation ein! Wenn sie unsicher sind, bitten Sie z.B. die betreuende Hebamme um Hilfe und lassen Sie sich lenken, um auf diese Weise sicherer zu werden. Denken Sie daran: Bei allem Neuen – sei es eine Fremdsprache oder eine Sportart – sind wir am Anfang immer unsicher. Warum sollte das mit einem Kind anders sein?

 

Manch einer ist so unsicher und hat solche Angst, etwas falsch zu machen, dass er lieber alles der Mutter überlässt. Was ist in diesem Fall sinnvoll?

Holen Sie sich möglichst bald Rat oder Hilfe! Hat noch keiner Ihrer Freunde Kinder, dann überlegen Sie, welcher andere Vater aus Krippe oder Kindergarten Ihnen sympathisch ist. Nehmen Sie Ihren Mut zusammen: Sprechen Sie ihn an und fragen Sie ihn um Rat oder nach seinen Erfahrungen! Sie können sich auch an eine Erziehungsberatungsstelle vor Ort oder die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) wenden. Gerade für alle, die beruflich stark eingebunden sind, ist die Online-Beratungsstelle der bke eine sehr gute Anlaufstelle: Unter www.bke.de erhalten Sie kostenlos Hilfe via E-Mail, Chat oder im Forum.

 

Bodo ReuserBodo Reuser ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Er leitet die Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen der Evangelischen Kirche in Mannheim. Zudem ist er stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke).

 

 

 

 

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