Sternenkinder haben für Eltern eine ganz besondere Bedeutung. Hier ein Erfahrungsbericht einer Mama.

Sternenkinder

Es war ein Abschied bevor das Leben anfangen konnte: Anne K. verlor in der neunten Schwangerschaftswoche ihr Baby. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Wenn ich nachts zum Himmel hoch schaue und die Sterne am Firmament funkeln, denke ich mir im Stillen oft: Der hellste Stern ist mein Krümelchen. Er ist jetzt da oben, im Himmel. Obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als ihn im Arm zu halten und ihn zu liebkosen. Doch leider war mir das nicht vergönnt. Mein Krümelchen ist ein Sternenkind, ich habe ihn am 23. Februar dieses Jahres verloren.

 

Noch jetzt, Monate später, tut es mir weh, an das, was damals passiert ist, zu denken. Trotzdem ist es mir wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie gut es mir damals tat, von anderen werdenden Müttern zu lesen, die das gleiche wie ich erlebt hatten. Leider gibt es noch immer viel zu wenige Berichte über Sternenkinder. Es ist nach wie vor ein Tabuthema. Ich möchte beitragen, das zu ändern.

 

Als mein Krümelchen ein Sternenkind wurde, war ich in der neunten Schwangerschaftswoche und hatte einen Routinetermin bei meiner Frauenärztin. Ich fühlte mich schlapp und merkte, dass irgendetwas nicht stimmt. Beim Ultraschall sagte die Ärztin plötzlich: „Das Herz schlägt nicht mehr!“ Im ersten Moment konnte ich das gar nicht glauben und erwiderte: „Der schläft nur! Geben Sie mir mal das Ding, dann mache ich ihn wach!“ Am liebsten hätte ich ihr den Ultraschallkopf aus der Hand gerissen. Doch meine Ärztin schüttelte traurig den Kopf und sagte, dass Krümelchen nicht schläft, sondern ich es verloren hätte. Sofort schossen mir Tränen in die Augen. Ich weiß noch, wie ich da lag und nicht aufhören konnte zu weinen.

Es brach eine Welt zusammen

Krümelchen war ein absolutes Wunschkind. Mein Mann und ich sind seit 13 Jahren  ein Paar und seit dreieinhalb Jahren glücklich verheiratet. Er ist mein Traummann. Unser Herzenswunsch war es, eine kleine Familie zu gründen. Als ich endlich schwanger war, schien dieser Wunsch in Erfüllung zu gehen. Wir waren so glücklich! Obwohl wir noch nicht wussten, ob es ein Mädchen oder Junge wird, nannten wir unseren Kleinen Krümelchen. Für uns stand fest, dass wir einen Sohn bekommen. Als Krümelchen starb, brach eine Welt zusammen. Ich war nicht nur unendlich traurig, sondern machte mir auch große Vorwürfe. Vielleicht hatte ich mich übernommen, meinem Körper zu viel zugemutet?!  Mein Mann hatte kurz vorher einen neuen Job als Marktleiter in einem Baumarkt in Süddeutschland angetreten. Ich war noch in unserer alten Wohnung sieben Autostunden entfernt geblieben, organisierte neben meinem Fulltime-Job als Verkäuferin in einem Modegeschäft den Umzug. War der Stress schuld an der Fehlgeburt? Aus medizinischer Sicht gab es zwar keinen Zusammenhang. Trotzdem machte mich dieser Gedanke fertig. Ich wollte am liebsten alleine sein, mich in unserer Wohnung verkriechen, niemanden sehen. Selbst meine geliebten Eltern und meine Geschwister ließ ich nicht an mich heran. Der einzige Mensch, mit dem ich reden wollte, war mein Mann. Ich hatte das Gefühl, nur er kann mich richtig verstehen. Er war es auch, der die richtigen Worte fand und sagte: „Unser Krümelchen ist jetzt bei Oma im Himmel und die passt auf ihn auf!“ Dieser Satz hat mich unheimlich getröstet – und tut es heute noch. Manchmal stehe ich abends am Fenster, blicke zum Himmel empor und spreche laut zu ihm: „Na Krümelchen, ärgerst du wieder die Oma?!“ Bei dieser Vorstellung muss ich lächeln. Sie macht seinen Verlust erträglicher. Wenngleich er noch immer schmerzt.

Ausschabung – allein schon dieses Wort klingt doch schrecklich

Nachdem die Ärztin mir gesagt hatte, dass ich Krümelchen verloren habe, musste ich zur Ausschabung in die Klinik. „Ausschabung“ – allein schon dieses Wort klingt doch schrecklich! In der Klinik habe ich nur geweint, fragte den Arzt, ob es nicht doch möglich sei, dass Krümelchen nur schläft. Der Arzt hatte wohl Mitleid und sagte, er will noch mal per Ultraschall überprüfen, ob mein Kleiner vielleicht doch nur schläft. Das Ergebnis war niederschmetternd: Wieder keine Herztöne! Der Arzt schaute mich mit ernster Miene an und sagte: „Ich muss Ihnen leider den letzten Funken Hoffnung nehmen!“ Ich war so außer mir, dass ich ihn anschrie: „Warum mussten Sie mir überhaupt Hoffnung machen?! Es wäre besser gewesen, Sie hätten Ihren Mund gehalten!“

 

Ich weiß, dass man so etwas nicht sagt. Aber in diesem Moment bin ich ausgerastet. Ich war so wütend und zugleich so traurig. Ich konnte einfach nicht anders. Später entschuldigte ich mich bei dem Arzt. Er hat meine Reaktion zum Glück verstanden und war nicht böse.

 

Die darauffolgenden Wochen waren hart. In so einer Situation merkt man erst, wie wichtig Familie doch ist. Mein Mann war eine unglaubliche Stütze, tröstete mich mit wunderbar liebevollen Worten. Aber auch meine Eltern und meine drei Geschwister waren toll. Mein Bruder und meine ältere Schwester kamen sofort ins Krankenhaus. Mein Bruder drückte mich fest und sagte: „Ich bin immer für dich da!“ Beide haben schon jeweils einen Sohn. Weil sie wussten, wie sehr ich meine Neffen liebe, haben beide ihre Jungs gleich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus zum Aufpassen vorbeigebracht. Das hat mich abgelenkt und mir gut getan.

Wir haben uns gemeinsam verabschiedet

Leider musste gut zwei Monate später sogar noch eine zweite Ausschabung vorgenommen werden – die erste war nicht ordentlich durchgeführt worden. Heute ist aber zum Glück alles wieder gut verheilt. Auch seelisch geht es mir langsam wieder besser. Sicherlich hat es mir auch geholfen, dass mein Mann und ich uns gemeinsam von unserem Krümel verabschiedet haben. Das war uns beiden wichtig. Wir haben im ganzen Wohnzimmer Kerzen aufgestellt und dann zusammen einen Abschiedsbrief verfasst. Den haben wir mit den Ultraschallbildern in eine kleine Kiste gelegt. Meine Mutter hatte mir zwei Engel geschenkt, die wir auf die Kiste gestellt haben, damit sie unser Krümelchen im Himmel begleiten. Er hat jetzt einen Ehrenplatz genau neben unserem Hochzeitsbild im Wohnzimmer.

 

Als Sternenkinder werden Kinder bezeichnet die „den Himmel“ (poetisch: die Sterne) „erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften“.

 

Nach wie vor wünschen mein Mann und ich uns nichts sehnlicher als ein Baby. Leider bin ich bislang noch nicht wieder schwanger geworden. Aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich irgendwann einen kleinen Wonneproppen im Arm halten werde. Und unser Krümelchen wird der Schutzengel. Von hoch oben aus dem Himmel wird er dann auf sein Geschwisterchen hier unten auf der Erde aufpassen.