So stillt die Welt

So stillt die Welt

Stillen ist das Beste fürs Baby – und trotzdem immer noch nicht überall selbstverständlich. Die Stilltradition unterscheidet sich von Land zu Land. Eine Rundreise

 

Europa: Zwischen Job und Baby

„Ich bin doch keine Milchkuh!“, sagt noch heute manch eine Französin und gibt lieber das Fläschchen, denn Stillen schade der Form der Brust. Auch wenn unsere charmanten Nachbarn in Sachen Stil und Mode die Nase immer ganz weit vorne haben: Geht es ums Stillen, gehört Frankreich zu den europäischen Schlusslichtern. Wichtig ist, dass „Maman“ schnell wieder in den Job zurückkehrt und Geld verdient. Auch in Großbritannien stillen längst nicht alle Frauen. Nur ein Drittel aller Babys wird sechs Monate lang gestillt. Vor allem in den weniger priviligierten Gesellschaftsschichten ist die Rate so niedrig, dass im Rahmen eines Pilotprojekts im Jahr 2013 sogar Gutscheine fürs Stillen an britische Mütter ausgehändigt wurden: Stillte die Teilnehmerin ihr Baby sechs Wochen lang, gab es umgerechnet 130 Euro; bei einer Stilldauer von sechs Monaten stieg der Betrag auf 215 Euro. Ein ziemlich schräger Ansatz, um Frauen zum Stillen zu bewegen, denn eigentlich sollte die Motivation zum Stillen nicht Geld sein, sondern aus dem Interesse für die Gesundheit und das Wohlergehen des Kindes entstehen. In Norwegen ist das quer durch alle Bevölkerungsschichten bekannt. Stillende Mütter gehören hier ganz selbstverständlich ins Straßenbild. Egal ob im Park oder neben der Langlaufloipe – selbstbewusst geben Norwegerinnen ihren Kindern in der Öffentlichkeit die Brust. Stillen ist in Norwegen völlig normal. Das norwegische Arbeitsschutzgesetz erlaubt berufstätigen Müttern sogar, ihr Kind bis zu einem Alter von einem Jahr eine Stunde pro Tag zu stillen. Kein Wunder, dass Norwegen bei solchen Rahmenbedingungen Traumstillquoten auffahren kann: Dort werden im Alter von sechs Monaten noch 80 Prozent der Kinder voll gestillt. Zum Vergleich: In Italien sind es nach Angaben der La Leche Liga nur 19 Prozent!

 

USA: Mama pumpt ab

Seit 1999 gibt es in den USA den „Right to Breastfeed Act“ – das Recht, sein Kind an jedem Ort zu stillen, an dem sich beide aufhalten dürfen. Demnach wäre z.B. ein Casino zum Stillen verboten, da sich dort nur Erwachsene ab 21 Jahren aufhalten dürfen. Im Café dagegen ist es rein theoretisch erlaubt. Allerdings lehnt laut Umfragen mehr als die Hälfte der US-Ameikaner das Stillen in der Öffentlichkeit ab. Deshalb empfiehlt das Auswärtige Amt bei Reisen in die USA, das Stillen „am besten … zumindest in Restaurants und Bars bzw. in weniger ,liberalen‘ Gegenden zu unterlassen“. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden übrigens 74 Prozent aller amerikanischen Kinder gestillt. Vier Monate lang ausschließlich gestillt werden aber nur rund 33 Prozent aller Kinder und sechs Monate sogar nur 13,6 Prozent! Sicherlich liegt das auch daran, dass es in den USA keinen Mutterschutz und Elternzeit wie hier in Deutschland üblich gibt. Laut der International Labour Organization der Vereinten Nationen gibt es nur zwei Länder in der Welt, die keinen bezahlten Mutterschutz haben: Die USA und Papua-Neuguinea. Aber: Berufstätige Mütter, die noch stillen, haben in den USA gesetzlich ein Anrecht auf eine entsprechende Räumlichkeit für das Abpumpen der Muttermilch. Deshalb gibt es in vielen Firmen sogenannte „Lactation Rooms“: Ein bisschen erinnern diese an eine große Umkleidekabine mitsamt Sessel, Tischchen und Stromanschluss für die elektrische Milchpumpe.

 

Südamerika: Alles eine Image-Frage

Starke Aufregung und Stress – das führt beides nach Auffassung vieler Südamerikanerinnen zu sogenannter „leche agitada“, was übersetzt „aufgeregte Milch“ bedeutet. Hört sich schädlich fürs Baby an und das soll es angeblich auch sein. Aus diesem Grund stillen Frauen in Ländern wie Kuba und Puerto Rico bei Nervosität oder Stress ab und geben ihren Kleinen stattdessen Fertigpräparate. Ohnehin werden die Babys in diesen Regionen meist nur kurz gestillt. Schon früh wird das Fläschchen mit industriell gefertigter Ersatz-Milch eingeführt, der häufig Maissirup zugesetzt wird. Später bekommt das Baby Kuhmilch. Das Image des Stillens ist vor allem in Mexiko erschreckend negativ. Trotz Werbekampagnen für Muttermilch als beste Babynahrung ist man hier überzeugt, dass das Fläschchen besser ist. In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl stillender Mütter in Mexiko nochmals drastisch zurückgegangen. Nach einer Studie des mexikanischen Gesundheitsministeriums stillten im Jahr 2006 noch 22 Prozent aller Frauen sechs Monate ausschließlich; 2012 waren es nur noch 14 Prozent. Damit schneidet Mexiko im lateinamerikanischen Vergleich am schlechtesten ab. Ein Vorreiter beim Stillen ist hingegen Brasilien. Hier sieht man auch in der Öffentlichkeit viele Frauen stillen. Mit ein Grund ist vielleicht, dass Werbung für industrielle Säuglingsnahrung verboten ist.

 

Afrika: Tradition und Fortschritt

In Äthiopien stillen Mütter traditionell bis zur Geburt des nächsten Kindes. Das langsame Abstillen wie wir es hier kennen ist dort unüblich: Sobald das zweite Baby geboren ist, bekommt das erste Kind abrupt von einem Tag auf den anderen keine Milch mehr, sondern Getreidebrei, der hauptsächlich aus Mais besteht. Für das Neugeborene bedeutet das wiederum, dass es das sogenannte Kolostrum, die antikörperreiche Erstmilch, die zwei bis drei Tage nach der Geburt entsteht, nicht bekommt. Die Äthiopierinnen sind der Meinung, dass erst mit dem Milcheinschuss die richtige Milch kommt – obwohl das Kolostrum besonders reich an Immunstoffen ist und das Baby vor Infektionskrankheiten schützt. Bevor Massai-Frauen in Kenia und Tansania ihr Neugeborenes an die Brust legen, bekommt es außerdem traditionell zuerst einige Teelöffel Butter oder Sahne. Gestillt wird ziemlich lange, etwa über einen Zeitraum von zwei Jahren. Generell ist es in Afrika üblich, den Säuglingen sehr früh außer Muttermilch andere Nahrung zu geben. So wird bei den Luo in Kenia traditionell schon mit zwei bis drei Wochen zugefüttert. Drei Monate nach der Geburt macht Getreidebrei die Hälfte der Beikost aus. Und mit sechs Monaten ist ein Brei aus Hirse und gesäuerter Milch die Hauptnahrung. Die Akamba, die in der Ostprovinz Kenias leben, geben den Kleinen gleich mit ein bis zwei Monaten abgekochte Kuhmilch und im dritten Monat einen dünnen Brei aus Maismehl. In Nigeria bekommen die Babys schon kurz nach der Geburt Kräutertee. Mit zwei Monaten gibt es Maisbrei, mit sechs bis neun Monaten werden die Kleinen zusätzlich mit Yams gefüttert.

 

Asien: Langzeitstillen? Warum nicht.

In Indien stillen die meisten Mütter mindestens sechs Monate lang ausschließlich und geben dann zusätzlich Tiermilch. In einigen Teilen des Landes hat die erste Reismahlzeit eines Säuglings einen solch hohen Stellenwert, dass diese gleich mit einer festlichen Zeremonie gefeiert wird. In Malaysia gilt Muttermilch allein als nicht nahrhaft genug. Stärkend hingegen soll ein Brei aus gekochten Bananen oder gekochtem Reis mit Zucker sein. Den bekommen die Babys deshalb auch gleich in der ersten Woche nach der Geburt. In ländlichen Regionen in Vietnam, Kambodscha und Laos werden die meisten Kinder länger als ein Jahr lang gestillt. Zusätzlich zur Muttermilch bekommen die Kleinen schon früh Reisbrei. Mit etwa sechs Monaten kommt eine Suppe aus Wasser und Reismehl sowie Getreidebrei hinzu. Einige vietnamesische Frauen beschäftigen aber auch eine Amme, wenn sie an ihren Arbeitsplatz in der Stadt zurückkehren. Ganz anders ist das in Korea: Hier wurde es lange Zeit von den Müttern erwartet, dass sie ihre Kinder drei Jahre lang stillen. Das machen heute allerdings nur noch wenige Frauen. Vor allem in den Städten gilt das Stillen mittlerweile als altmodisch und rückständig. Anders ist das in Japan: Hier genießen stillende Frauen hohes Ansehen. Zum Teil wird deshalb auch sehr lange gestillt – mitunter bis ins Kindergartenalter. Allerdings trifft das nur auf eine Minderheit zu. Ansonsten folgen japanische Mütter dem Trend vieler Industrieländer: Mit drei Monaten erhält nur die Hälfte aller Säuglinge noch Muttermilch und mit sechs Monaten nur ein Drittel.

 

Quellen u.a.:

Weißenborn a. et al (2015): Stillhäufigkeit und Stilldauer in Deutschland – ein systematische Übersicht. Gesundheitswesen 77:1-13

Brettschneider AK, Weikert C, Abraham K et al. (2016) Stillmonitoring in Deutschland – Welchen Beitrag können die KiGGS-Daten leisten? Journal of Health Monitoring 1(2): 16 –25

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2017-05/kinder-familie-stillen-kinderfreundlichkeit

https://www.welt.de/gesundheit/article117016607/Warum-Mexikos-Frauen-ihre-Babys-nicht-stillen.html


Veröffentlicht: 22 Dez, 2018

Medela

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