Trage oder Tragetuch? Was ist besser für dein Kind? Hier bekommst du Antworten.

Trage oder Tragetuch? Wie trage ich mein Baby richtig?

Ob Trage oder Tragetuch: Eine Tragehilfe gehört heute meist zur Erstausstattung und ist eine kuschelige, flexible Alternative zum Kinderwagen. Doch worauf muss ich beim Tragen achten? Wie finde ich die richtige Trage für uns? Wir haben Expertin Ulrike Höwer um Rat gefragt.

 

Viele Eltern schaffen mit dem Kinderwagen heute gleich noch eine Babytrage an. Weshalb ist Tragen so wichtig für Babys?

Oh, das ist eine Frage, über die könnte man ein Buch schreiben! Da spielen viele Ebenen eine Rolle. Knapp zusammengefasst: Weil Babys von Natur aus aufs Tragen ausgerichtet sind – so wie sie auch aufs Stillen ausgerichtet sind. Wir Menschen sind eben Säugetiere und gehören dabei weder zu den Nesthockern noch zu den Nestflüchtern. Wir sind Traglinge. Indem wir Babys tragen, arbeiten wir also mit der Natur zusammen. Auf der physiologischen Seite spielt die Körperlichkeit eine große Rolle. Ein Baby ist durch die ungewohnte Schwerkraft erst mal immobil. In Mamas Bauch hat es noch Purzelbäume geschlagen, nach der Geburt muss es erst lernen, sich neu zu organisieren. Und das funktioniert am besten mit einem zweiten Körper als Rahmen.

 

Das klingt kompliziert…

Ist es gar nicht. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Barhocker – aber ohne Fußstütze! Da macht das Sitzen irgendwann keinen Spaß mehr, egal wie nett die Gesellschaft ist. Es ist Ihnen einfach zu anstrengend, weil Ihnen der Rahmen fehlt, sich selbst zu regulieren. So geht es auch dem Baby, wenn es zum Beispiel alleine auf dem Boden liegt. Wenn es dagegen auf Mamas oder Papas Körper auf dem Sofa liegt, hat es einen Rahmen und kann so lernen, sich selbst zu regulieren. Und noch etwas anderes, wunderschönes passiert durch den engen Körper- und Hautkontakt: Der Körper schüttet Oxytozin aus. Das sorgt für Entspannung und eine enge Eltern-Kind-Bindung.

 

Es gab eine Zeit, da war Tragen verpönt, weil es angeblich dem Rücken der Babys schade. Es wurde dazu geraten, Babys möglichst viel auf dem Rücken liegen zu lassen. Wieso sieht man das heute anders?

Im Zentrum aller Überlegungen steht die Frage: Was braucht das Kind, um sich gut zu entwickeln? Meine Antwort ist: vielfältige Angebote. Dazu gehört die Bauch- und Rückenlage auf dem Fußboden, aber genauso wichtig ist es eben, Bewegung zu erfahren und das ist beim Tragen der Fall. Die Erfahrung der Bewegungsübertragung ist wichtig für die Selbstregulation des Babys.

 

An der Frage, ob Trage oder Tragetuch besser sind, scheiden sich die Geister. Was empfehlen Sie?

Ich bin da erst mal entspannt. Mich treiben immer zwei Fragen: Erstens, was brauchen die Eltern? Denn egal welche Tragehilfe – es muss zum individuellen Lebensentwurf passen. Und zweitens: Wie alt ist das Baby? Für ein fünf Monate altes Kind ist natürlich mehr möglich als für ein Neugeborenes. Ein frisch geborenes Baby muss wirklich sehr sehr gut abgestützt werden, zentimetergenau. Da ist das Tragetuch für mich tatsächlich unschlagbar. Wobei es auch tolle Tragehilfen aus Tragetuch gibt. Je flexibler das Material, desto besser. Am besten ausprobieren! Einfach mal durch einen schönen Onlineshop klicken und ein Testpaket bestellen. Frauen mögen meist eher Tücher, Männer sind eher quadratisch-praktisch unterwegs. Jeder soll sich wohlfühlen. Es spricht ja auch nichts dagegen, zwei Tragehilfen anzuschaffen. Die meisten sind heute bezahlbar und man spart sich auch lästiges Umstellen, falls der Körperbau und die Größe der Eltern sehr unterschiedlich sind.

 

Sind alle Tragehilfen in Ihren Augen grundsätzlich empfehlenswert? Worauf sollten Eltern bei der Auswahl unbedingt achten?

Es gibt viele gute, aber tatsächlich auch einige Tragen, die wirklich gar nicht gehen. Die sind dann entweder sehr kompliziert oder wirklich gefährlich. Am besten immer erst mal in den aktuellen Ökotest schauen. Ansonsten sollten sich die Eltern fragen: Ist die Trage möglichst flexibel einstellbar? Wie praktikabel ist sie für uns? Sitzt das Baby gut darin? Passt sie zu euch und zu eurem Kind? Sieht es stimmig aus, wenn ihr sie tragt? Ja, auch scheinbar banale Fragen wie: Gefällt euch die Farbe? Es muss gefallen, sonst wird die Tragehilfe nicht benutzt.

 

Woran erkenne ich, ob das Baby gut sitzt und die Trage richtig eingestellt ist?

Vieles steht und fällt mit der Breite des Stegs zwischen den Beinen. Ist er zu schmal, baumeln die Beine des Babys frei – das ist nicht gut. Ebenso schlecht ist es, wenn der Steg zu breit ist und die Beine damit überspreizt werden. Das Standard-Kriterium lautet heute: Der Stoff sollte von Kniekehle zu Kniekehle reichen und die Kniekehlen sollten etwa auf Bauchnabelhöhe des Babys sein. Aber selbst das ist nicht einfach, denn wenn der Stoff zu weit in den Kniekehlen sitzt, werden die Beine auch leicht überspreizt. Im Grunde kann es kein starres Kriterium geben. Das Ziel ist wichtig: Ein gut aufgebauter Sitz! Das heißt, Becken und Hüfte sind gut eingestellt, die Unterschenkel liegen dicht am Körper der Eltern, die Füße sind leicht nach innen rotiert, das Baby sitzt zentriert, die Arme oben und leicht am Körper der Mutter. Der Kopf muss abgestützt sein, aber sich trotzdem bewegen können. Auf keinen Fall sollte steifes Material über dem Hinterkopf des Babys liegen! Wenn das Baby bei allen Bewegungen von Mutter oder Vater gut mitgehen kann, ist es genau richtig.

 

Ab welche Alter darf ein Baby denn getragen werden?

Da möchte ich kein pauschales Urteil abgeben. Es kommt immer auf die Familie und ihre Bedürfnisse an. Grundsätzlich bin ich ein großer Verfechter des Wochenbetts. Eine entspannte Kennenlernzeit für Mutter und Kind ist so wertvoll. Aber wenn die Mutter, vielleicht auch wegen eines Geschwisterkindes, schneller mobil sein muss, muss sie schauen, was am besten zu ihr passt. Ein Kinderwagen zum Abstützen ist vielleicht bequemer für sie. Andererseits sollte sie ihn natürlich nicht über Stufen hieven müssen – das ist Gift für den Beckenboden. Aufrecht gehen ist eigentlich immer gut und dann darf das Baby natürlich getragen werden. Für Neugeborene würde ich dann immer ein Tragetuch bevorzugen oder aber einen entsprechenden Carrier. Da gibt es heute tolle Modelle, die sogar auf Frühchen angepasst werden können.

 

Sollte das Baby eher vor dem Bauch oder auf dem Rücken getragen werden?

Ein Neugeborenes sicher vor dem Bauch. Ab einem Alter von etwa vier Monaten dann vor dem Bauch, auf dem Rücken und auf der Hüfte. Abwechslung ist gut. Wobei: Das Tragen auf dem Rücken sollten die Eltern am besten üben, bevor das Baby fünf oder sechs Monate alt ist: Dann wird es nämlich so mobil, dass es womöglich weniger stillhält.

 

Gibt es Empfehlungen, wie lange man ein Baby am Tag maximal tragen sollte?

Auch da sage ich: Die Mischung macht‘s. Solange das Baby sich auch mal auf dem Boden bewegen darf, ist alles gut.

 

Sehr junge Babys sieht man in Tragen oft komplett verschwinden. Kann das nicht gefährlich sein? Bekommen sie in Tuch und Trage auch immer genug Luft?

Natürlich sollten Babys nicht völlig in der Trage verschwinden. Der Kopf sollte schon frei sein. Man legt ein Baby ja auch nicht unter die Bettdecke. Je mehr Material, desto größer das Risiko, dass sich CO2-Nester bilden, das gilt auch für Tragen. Aber ein Neugeborenes hat auch seine eigenen Strategien: Es stellt seinen Kopf automatisch in 45 Grad Position und nimmt die Arme nach oben, um gut atmen zu können – wie beim Stillen auch.

 

Es geht immer darum, dass das Baby in einer Trage richtig sitzt – worauf sollte eigentlich die Mutter bei ihrer Körperhaltung achten?

Mein Rat: Das Tragetuch oder die Tragehilfe immer so hoch und fest wie möglich binden. Eine gerade, aufrechte Haltung ist wichtig. Das können auch Kreuzträger auf dem Rücken unterstützen.

 

Was halten Sie von Sport mit Baby in der Trage? Mittlerweile gibt es ja ganze Kurse, die damit werben.

Das kommt sehr auf das jeweilige Konzept an. Ich habe da schon ganz grauenhafte Sachen gesehen, bei denen der Kopf des Babys richtig durch die Gegend flog. Es gibt aber auch Konzepte, die Trageberatung mit einbeziehen und sehr bewusst damit umgehen. Dann ist das natürlich eine schöne Möglichkeit für die Mutter, sich zu bewegen. Ganz wichtig ist immer: Das Baby muss wirklich sehr sehr gut eingebunden sein! Es muss die Bewegungen mitgehen können. Nordic Walking mit Baby auf dem Rücken ist zum Beispiel eine tolle Sache.

 

Nun habe ich mich entschieden zu tragen und suche noch eine gute Trageberatung: Wie finde ich die? Worauf sollte ich achten?

Überlegen Sie sich, was Sie brauchen: Geht es Ihnen hauptsächlich um einen Überblick und ein Fitting der Tragehilfen? Es gibt Trageberater, die sich darauf spezialisiert haben und verschiedene Trage, wie bei einer Tupperparty, mitbringen. Andere vermitteln eher eine ganzheitliche Beratung, hören erst mal zu und versuchen individuell auf die Familie einzugehen. Wichtig ist in jedem Fall eine entsprechende Weiterbildung. Fragen Sie explizit danach!

 

 

 

Tragetuch Ulrike Höwer ist Mutter von vier Kinder, Gründerin und Leiterin von Die Trageschule®. Sie hat Philosophie studiert und lebt in Dresden. Als ausgebildete Krankenschwester und Stillberaterin ist ihr die einfühlsame Begleitung junger Familien in ihrem Beratungskonzept besonders wichtig.

 

 

 

 

Trägst du dein Baby viel? Hast du vielleicht auch schon mal einen Sport mit Baby in der Trage ausprobiert? Oder schiebst du lieber entspannt den Kinderwagen? Erzähl uns von deinen Erfahrungen unter kontakt@medela-blog.de oder in unserer Facebook-Community.