Vertrauliche Geburt: Wenn Mütter ihre Babys aufgeben, um ihnen eine Zukunft zu schenken

Die Babyklappe war ein letzter Ausweg. Aber sie ließ die verzweifelten Mütter allein. Mit der „vertraulichen Geburt“ soll sich das ändern. Wenn sich heute eine Mutter für den schweren Schritt entscheidet, ihr Baby aufzugeben, kann sie heute die Geburt in einer geschützten Umgebung erleben – kostenlos und unterstützt von Hebammen, Ärzten und Psychologen. In Hamburg kümmert sich Marina Knopf, Diplom-Psychologin am Familienplanungszentrum, um die Mütter in Not. Hier erzählt sie, wie die „vertrauliche Geburt“ abläuft. Denn im Gegensatz zur „anonymen Geburt“ und zur Babyklappe hat sie viele Vorteile für Mutter und Baby.   

 

„Eigentlich hatte die Frau die idealen Voraussetzungen, um eine Familie zu gründen: Sie war in den 30ern, fest liiert und hatte einen guten Job. Doch ein Kind kam für sie und auch für ihren Partner nicht infrage. Als sie trotzdem ungewollt schwanger wurde, entschied sie sich gegen eine Abtreibung und für eine vertrauliche Geburt: „Ich möchte das Kind nicht, wünsche ihm aber alles Gute“, erklärte sie mir, als ich kurz nach der Entbindung zu ihr ins Krankenhaus gerufen wurde. Das klingt jetzt so, als sei es der Frau egal gewesen. War es aber nicht. Tatsächlich hatte sie so schwerwiegende Gründe, dass sie diese schwere Entscheidung treffen musste.

 

Ein Leben in einem Briefumschlag

Das war meine erste vertrauliche Geburt. Ich bin Diplom-Psychologin am Familienplanungszentrum in Hamburg. Neben Pro Familia sind wir hier in Hamburg zuständig für Schwangere, die anonym bleiben wollen. Seit Mai 2014 können diese sich für eine vertrauliche Geburt entscheiden. Beraterinnen wie ich werden vom Krankenhaus immer dann angerufen, wenn eine Frau mit Wehen eingetroffen ist und ihren Namen nicht nennt. In so einem Fall versuche ich möglichst schnell in der Klinik zu sein, um noch vor der Geburt mit der Frau zu sprechen. Wie bei der jungen Frau, die einfach kein Kind wollte, kenne nur ich als Beraterin den echten Namen der Mutter. Ärzte und Krankenschwestern erfahren nur ihr Pseudonym. Ich unterstütze die Mutter, für das Baby ihren Namen und ein paar Informationen in einem verschlossenen Umschlag zu hinterlassen. Anschließend versiegele ich diesen sogenannten Herkunftsnachweis und schicke sie an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, wo sie aufbewahrt wird. Ist das Kind 16, kann es den Umschlag öffnen. Mit dieser Möglichkeit sollen die Babyklappen und anonymen Geburten ersetzt werden – weiter geduldet sind sie jedoch.

 

Lösungssuche in psychischen Ausnahmesituationen

Für das Kind ist die vertrauliche Geburt sicher ein Gewinn, denn es erhält – anders als bei einer gänzlich anonymen Geburt – später die Möglichkeit, die Identität seiner Mutter zu erfahren. Und für diese hat eine vertrauliche Geburt den Vorteil, dass sie die Möglichkeit bekommt, legal und sicher zu entbinden. So abgeklärt wie die junge Frau bei meiner ersten vertraulichen Geburt sind trotzdem die wenigsten Frauen. Theoretisch besteht zwar die Möglichkeit schon während der Schwangerschaft einen Gesprächstermin zu vereinbaren und die vertrauliche Geburt zu regeln. Meist werde ich aber erst ins Krankenhaus gerufen, wenn die Frau gerade entbunden hat. Für ein ausführliches Gespräch bleibt dann leider keine Zeit. In so einer Situation ist meine Arbeit manchmal knifflig. In kurzer Zeit muss es mir gelingen, einen Draht zu der Frau aufzubauen. Das ist nicht immer einfach, vor allem, weil diese natürlich einen schwerwiegenden Grund hat, weshalb sie sich eine vertrauliche Geburt wünscht, und sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet. Oft finde ich die Frau vollkommen aufgelöst und weinend vor, wenn ich im Krankenhaus ankomme.

 

„Eine Art der Angst“

Wahrscheinlich vermuten jetzt viele, dass diese Frauen aber ohnehin mit ihrem Leben nicht klar kommen und sich deshalb zu diesem Schritt entscheiden. Das ist aber nicht so. Tatsächlich unterscheiden sie sich nicht von anderen Frauen, die ungewollt schwanger werden. Es sind Studentinnen genauso wie Frauen, die einen ganz normalen Job haben. Sie sind gebildet oder ungebildet, verheiratet oder Single, haben schon Kinder oder hatten zum ersten Mal Sex. Es gibt zwar Fälle, in denen Mädchen oder Frauen Angst vor Gewalt haben, etwa weil sie in streng religiösen Familien leben oder mit einem gewalttätigen Mann. Das ist aber nicht die Regel. Wenn überhaupt handelt es sich um eine Art der Angst: Eine mittellose Alleinerziehende hatte beispielsweise bereits zwei Kinder und fürchtete, das Jugendamt würde ihr die Kinder wegnehmen, wenn sie nun auch noch ein drittes Kind bekäme. Sie entschied sich für eine vertrauliche Geburt. Nachdem das Baby in einem Kinderschutzhaus untergebracht war und zur Adoption freigegeben werden sollte, nahm sie es aber doch zurück. In solchen Fällen wird das Familiengericht eingeschaltet, um zu entscheiden, ob das auch für dem Kindeswohl entspricht. Es gibt aber auch ganz andere Fälle. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Studentin, die zwar das Beste für ihr Kind wollte, sich aber trotzdem nicht vorstellen konnte, später irgendwann Kontakt mit diesem zu haben. Sie war der Ansicht, dass sie mit der ganzen Sache nicht abschließen könnte, wenn sie wüsste, dass das Kind vielleicht irgendwann mal bei ihr klingelt. Möglicherweise spielten da Schuldgefühle eine große Rolle. Sie entschied sich letztlich auch dagegen, ihren Namen zu hinterlassen. Solche anonymen Geburten werden weiterhin geduldet, denn zumindest werden Frau und Kind dann medizinisch versorgt.   Oft ist es aber auch ganz anders. Viele Frauen fürchten sogar, dass die Angehörigen sagen: „Wir kriegen das hin!“ Und dann anbieten: „Das Kind kann bei uns leben.“ Sie selbst aber wollen das Baby auf jeden Fall weggeben und befürchten nun, die Familie werde sie deshalb verachten. Das ist übrigens auch das Einzige, das alle Frauen, die sich für eine vertrauliche Geburt entscheiden, verbindet: Sie fürchten, ausgestoßen zu werden, wenn jemand davon erfährt.

 

Die Entscheidung liegt immer bei der Mutter

Meine Aufgabe ist es, für Frau und Kind die bestmögliche Lösung zu finden. Ich versuche der Mutter Wege aufzuzeigen, wie sie oder ihre Familie das Baby behalten können oder wie sie es regulär zu Adoption frei geben kann – mit der Möglichkeit, ihr Kind regelmäßig zu sehen. Möchte die Frau trotzdem eine vertrauliche Geburt, respektiere ich das. Es ist die Entscheidung dieser Frau. Und jede Frau hat das Recht, sich für eine vertrauliche Geburt zu entscheiden.

 

 

Hier finden Schwangere in Konfliktsituationen Hilfe:

Tel. 0800/40 40 020 oder www.geburt-vertraulich.de

 

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