Interview_Prof.Abou-Dakn

Was der Geburtshilfe in Deutschland fehlt

Prof. Michael Abou-Dakn ist Chefarzt am St. Joseph Krankenhaus in Berlin und weiß, wie gute Geburtshilfe aussehen kann. Ein Interview über Hebammenmangel, bindungsorientierte Geburtshilfe und Väter im Kreißsaal.

Nirgendwo in Deutschland kommen so viele Kinder zur Welt wie hier: 4.157 Babys wurden 2017 im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin geboren. Chefarzt Prof. Michael Abou-Dakn darüber, was werdende Eltern bewegt, warum gute Beratung in der Stillzeit so wichtig ist –und weshalb er sich wünscht, dass Schwangere wieder mehr ihrem Bauch vertrauen.

Prof. Abou-Dakn, wie gehen werdende Mütter und Väter heute in eine Geburt?

Schwangerschaft und Geburt sind heutzutage in sehr vielen Fällen ein erwünschtes Ereignis. Das merkt man auch den werdenden Eltern an: Die meisten Paare bereiten sich sehr intensiv auf die Geburt vor. Männer nutzen dabei gerne Internetplattformen. Frauen hingegen tauschen sich viel mit Freundinnen aus und sind auch oft sehr detailliert informiert. Ich erlebe sie aber auch sehr verunsichert – vor allem dann, wenn sie die Erfahrung machen, dass das, was sie z.B. über das Stillen gelesen haben, in der Praxis so nicht funktioniert. Deshalb ist die persönliche Beratung und Betreuung nach wie vor extrem wichtig.

Was bewegt werdende Eltern heute?

Das ist ganz unterschiedlich. Ein großes Thema ist sicherlich der Hebammenmangel. Viele werdende Mütter fragen sich beispielsweise, ob die Kliniken genügend Zeit für sie haben. Durch die Informationsflut im Internet werden leider auch überspitzte Wahrheiten wahrgenommen, die werdende Eltern verunsichern. Häufig liest man von der Situation, dass Hochschwangere von Kliniken nicht aufgenommen werden können. Das wurde in den Medien dramatisch dargestellt, bis hin zur Reisewarnung. So entstand der Eindruck, Hochschwangere dürften bestimmte Regionen Deutschlands wie etwa München nicht mehr besuchen. Das ist sicher überspitzt und stimmt so nicht.

Bekommen junge Eltern in deutschen Kliniken denn die Unterstützung, die sie brauchen?

Ich glaube noch nicht in dem Maße, weil die personellen Ressourcen fehlen. Oft fehlt einfach die Zeit, sich um jede einzelne Frau intensiv zu kümmern. Die sprechende, zugewandte Medizin wird in Deutschland bislang schlecht bezahlt. Daran muss sich etwas ändern. Zum Glück wurde endlich verstanden, wie wichtig die bindungsorientierte Geburtshilfe ist: In vielen Kliniken wird alles dafür getan, dass Mutter und Kind nicht getrennt werden, sondern die Eltern mit ihrem Baby zusammenbleiben dürfen.

Welche Rolle übernehmen junge Väter heute bei der Geburt?

Seit Ende der 80er Jahre sind fast alle Väter bei der Geburt dabei. Das ist sinnvoll und auch hilfreich – wenn der Mann das auch will. Ist das nicht der Fall, war es eine Zeitlang Tabu, das laut auszusprechen: Der Mann fühlte sich verpflichtet, bei der Geburt dabei zu sein. Diese Einstellung ändert sich langsam.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Was würden Sie noch ändern?

Auch wenn mittlerweile gerade in babyfreundlichen Kliniken gut auf die Bedürfnisse der frischgebackenen Mütter geachtet wird: Der Klinikalltag ist immer noch ein Störfaktor. Ich würde mir wünschen, dass Frauen nach einer Geburt so stark sind, dass sie gleich nach Hause zurückkehren können und in ihrem häuslichen Umfeld so betreut werden, dass sie die erste Zeit mit ihrem Kind in ihrem vertrauten Umfeld genießen können. Dazu bräuchten wir aber noch viel mehr Unterstützung. Es müsste zum Beispiel einmal am Tag jemand vorbeikommen, der überprüft, ob es Mutter und Kind auch tatsächlich gut geht. Zudem bräuchten die Frauen professionelle Unterstützung etwa im Haushalt, beim Kochen und Putzen oder bei der Betreuung von Geschwisterkindern. Das ist momentan leider finanziell nicht machbar.

Sie treffen die Eltern schon vor der Geburt. Was raten Sie Ihnen?

Genießt die Schwangerschaft und die Geburt! Früher wurde die Schwangerschaft ja als Zeit der guten Hoffnung bezeichnet. Man schaute positiv auf das Mysterium, das da im Bauch heranwuchs. Seitdem wir das Kind quasi als Patient mitentdeckt haben, sind viele Frauen auch verunsichert. Es würde mich sehr freuen, wenn Frauen wieder mehr ihrem Bauch vertrauen. Deshalb sage ich immer: Nutzt die Zeit der guten Hoffnung und macht euch keine Sorgen!

Sorgen machen sich werdende Eltern dennoch viele. Die äußeren Bedingungen waren nie besser, als heute, dennoch wird die Geburt immer mehr als unglaubliches Risiko gesehen.

Ja, eindeutig. Das sehen wir zum Beispiel an der Inanspruchnahme von diagnostischen Maßnahmen vor der Geburt. Häufig werden Untersuchungen gemacht, die nicht unbedingt notwendig sind, etwa die vielen Ultraschalls und CTGs vor der Geburt. Grund ist, dass werdende Eltern verunsichert sind. Ich glaube, wir Ärzte müssen deshalb auch wieder stärker deutlich machen, welche Diagnostiken tatsächlich notwendig sind, um Schaden von Mutter oder Kind abzuwenden. Und welche Methoden im Grunde nur verunsichern, weil dabei Befunde herauskommen, die nicht ganz eindeutig sind. Es wäre schön, wenn es wieder ein bisschen mehr in Richtung Normalität gehen würde.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Wir sehen beispielsweise, dass vor der Geburt sehr viele CTGs zur Aufzeichnung der Wehen- und Herztätigkeit des Ungeborenen vorgenommen werden – obwohl es aus medizinischer Sicht keinen Grund dazu gibt. In diesem kleinen Moment, der aufgenommen wird, können die Herztöne des Babys schon mal verändert sein. Obwohl es dem Baby trotzdem gut geht, ist die Schwangere verunsichert und beunruhigt.

Wie gut sind Mütter heute auf die Stillzeit vorbereitet?

Viele Mütter wissen, dass Stillen für das Baby am besten ist und informieren sich vor der Geburt eingehend. Einige Frauen empfinden das Stillen hingegen als Druck.

Dabei ist Stillen ganz natürlich.

Genau! Ich würde mir wünschen, dass diese Natürlichkeit zurückkehrt. Prinzipiell will nämlich jedes Kind gestillt werden. Ich habe aber das Gefühl, dass viele Frauen so viel gelesen haben und so viele Dinge berücksichtigen wollen, dass sie stark verunsichert sind und deshalb auch gar nicht mehr in diese Natürlichkeit hineinkommen. Deshalb bräuchten wir gerade für diese Frauen mehr professionelle Unterstützung, etwa durch Stillberaterinnen.

Wie kann ein Mann seine Frau zum Start der Stillzeit unterstützen?

Am besten, indem er ihr die Wünsche von den Lippen abliest! Kochen, Wäsche waschen, putzen – darum sollte er sich in dieser Phase kümmern. Er sollte der Frau auch helfen, tagsüber Ruhe zu finden, damit sie nachts genügend Kraft zum Stillen hat. Schön ist, wenn ein Mann seiner Frau das Gefühl gibt, dass er sie für das, was sie leistet, bewundert indem er beispielsweise sagt: „Das ist toll, was du alles für unser Kind machst, wie du dir die Nächte um die Ohren schlägst, um unser Baby zu stillen!“

In einem Satz: Warum sollte jede Mutter dem Stillen eine Chance geben?

Weil es die beste und natürlichste Form ist, das Baby zu ernähren!

 

prof dr michael abou-daknProf. Michael Abou-Dakn, 57, leitet die Geburtsklinik des Berliner St-Joseph-Krankenhauses. Er ist Professor für Geburtsmedizin und unterrichtet am Studiengang Hebammenkunde der Evangelischen Hochschule Berlin.