Was ist bei der Geburt von Mehrlingen anders?

Es ist eine der aufregendsten Erfahrungen im Leben jeder Mutter: die Geburt des Kindes. Wenns dann gleich Zwillinge oder gar Drillinge sind, kommen unglaublich viele Fragen auf. Die Frauenärztin Dr. Catherina Lomann aus Essen erzählt, was bei der Geburt von Mehrlingen anders ist.

 

 

Die meisten Frauen wünschen sich eine Spontangeburt. Ist das auch bei Zwillingen möglich oder kommt es generell zum Kaiserschnitt?

Es wird versucht, die Spontangeburt anzustreben. Dafür müssen allerdings ein paar Voraussetzungen gegeben sein: Es müssen zweieiige Zwillinge sein. Eineiige Zwillinge sollten nicht vaginal entbunden werden, wenn sie sich in der Fruchthöhle befinden und sich eine Plazenta teilen. Diese Form wird in der Fachsprache als monochorial-monoamniale Zwillinge bezeichnet. In diesem Fall besteht ein größeres Risiko für Nabelschnurkomplikationen. Außerdem sollte der führende Zwilling in Schädellage liegen und der Gewichtsunterschied zwischen beiden Babys sollte nicht mehr als 500 Gramm betragen. Es wäre außerdem gut, wenn die Kinder um die zwei Kilo wiegen. Dann sind sie gut belastbar und können die Strapazen der Geburt gut bewältigen. Weiterhin darf kein Hinweis auf ein geburtsmechanisches Hindernis vorliegen wie etwa ein enges Becken. Auch mütterliche Erkrankungen, bei denen eine vaginale Geburt nicht unbedingt anzuraten ist, sollten ausgeschlossen werden.

 

 

Ist beim zweiten Baby die Lage auch entscheidend?

Nicht so sehr! Optimalerweise befinden sich beide in Schädellage. Dies ist bei etwa 45 Prozent aller Zwillingsschwangerschaften der Fall. Wenn der führende Zwilling erst mal durch die Engstelle des Geburtskanals ist, kann der Zweite auch mit dem Po zuerst kommen. Das geht meistens sehr gut.

 

 

Man liest häufig, dass Zwillinge eher geholt werden. Stimmt das?

Ja. Eine Zwillingsschwangerschaft dauert durchschnittlich 37 Wochen, in vielen Fällen kommen die Kinder auch noch früher zur Welt. Generell sind Mehrlingsschwangerschaften mit einem höheren Risiko für Frühgeburten verbunden. Eine Zwillingsschwangerschaft ist für den Köper der Mutter anstrengend. Wir leiten die Geburt deshalb häufig ein, wenn die Kinder mit Ende der 37. Schwangerschaftswoche als reif gelten. Auf diese Weise kommt es nicht zur Überdehnung der Gebärmutter und das Risiko für Komplikationen wird gesenkt. So ist beispielsweise das Risiko für das Auftreten einer stärkeren Nachblutung infolge der Entbindung geringer.

 

 

Wie genau wird die Geburt eingeleitet?

Ist der Muttermund bereits etwa fingerdurchlässig, wird er massiert. Dadurch lösen sich die Eihäute vom Rand der Gebärmutter. Diesen Vorgang nennt man Eipollösung. Dabei bleibt die Fruchtblase intakt. In der Regel wird die Geburt dadurch innerhalb von 48 Stunden ausgelöst.

 

 

Und wenn der Muttermund noch nicht geöffnet ist?

Dann ist es möglich, sogenannte Prostaglandine als Gel oder Tablette direkt auf den Muttermund aufzutragen oder vor diesen zu legen. Allerdings ist die Wirkung hier von Frau zu Frau verschieden. Manche reagieren nicht; bei anderen setzen innerhalb von zwei bis drei Stunden die Wehen ein und die Geburt schreitet voran. Grundsätzlich sollten die werdenden Mütter aber Geduld mitbringen, da manchmal auch mehrere Tage bis zur Geburt vergehen können.

 

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Welche Nebenwirkung haben die Prostaglandine?

Ganz klar: Alles, was von außen gegeben wird, erhöht das Risiko, dass es zum Kaiserschnitt kommt. Es kann aber auch zu einer vermehrten Wehentätigkeit kommen bis hin zum Wehensturm. Letzteres ist aber zum Glück sehr selten der Fall. Über diese etwaigen Nebenwirkungen werden die werdenden Mütter in der Klinik eingehend aufgeklärt. Grundsätzlich werden Prostaglandine auch nur unter stationärer Beobachtung gegeben. So werden etwa mit dem CTG regelmäßig die Wehentätigkeit und die kindlichen Herztöne kontrolliert.

 

 

Im Normalfall sind bei einer Geburt in der Klinik nur eine Hebamme und ein Arzt anwesend. Wie ist das bei Zwillingen?

Hier sind meist zwei Hebammen, ein Assistenzarzt und ein Oberarzt dabei. Sobald sich der Muttermund vollständig geöffnet hat und sich das erste Kind sozusagen auf den Weg macht, werden auch die Kinderärzte alarmiert und stehen in Bereitschaft. Zudem ist im OP neben dem Kreissaal ein Notfallteam einsatzbereit.

 

 

Was ist bei der Wahl des Krankenhauses zu beachten?

Mehrlingsgeburten bedürfen einer besonders intensiven Überwachung durch Gynäkologen, Hebammen, Pädiater und Anästhesisten. Die Geburt sollte daher immer in einer darauf spezialisierten Geburtsklinik mit angeschlossener Kinderklinik und Neugeborenen-Intensivstation erfolgen, um eine entsprechende Erstversorgung der Neugeborenen zu gewährleisten. Gut ist natürlich ein Perinatalzentrum, weil dieses auf Mehrlingsgeburten ausgerichtet ist. Zudem sollte ein OP zur Verfügung stehen, damit im Notfall schnell gehandelt werden kann.

 

 

Wie ist das bei Drillingen?

Die Entbindung sollte unbedingt in einem Perinatalzentrum stattfinden. Hier ist es ganz wichtig, dass man Neonatologen an der Seite hat, denn Drillinge kommen häufig schon in oder vor der 32. Woche zur Welt und sind Frühgeburten. Drillinge holt man generell auch per Kaiserschnitt.

 

 

Was ist das größte Risiko bei der Geburt von Zwillingen?

Der Geburtsverlauf kann bei Zwillingsgeburten generell verlängert sein, da die Kraft der Gebärmutter durch die starke Dehnung oft vermindert ist. Nach dem Einsetzen regelmäßiger Wehen werden beide Kinder kontinuierlich mittels CTG überwacht. Viele Kliniken empfehlen bei Zwillingsgeburten eine PDA. Dadurch ist der Beckenboden in der Austreibungsperiode optimal entspannt und die Geburt wird erleichtert. Wenn das erste Kind da ist, muss sich das zweite richtig ins Becken einstellen. Ist das erste Kind geboren, hat das Zweite plötzlich richtig viel Platz. Was nicht passieren darf ist, dass es sich querlegt. Deshalb schient der Assistenzarzt während der Geburt den Bauch in Längsrichtung und versucht dadurch dem Kind klar zu machen, dass es sich eben in Längslage legen muss. Zusätzlich wird ein Wehentropf gegeben, weil die Wehen nachlassen sobald der Druck des ersten Kindes weg ist. Zwischen dem ersten und dem zweiten Kind sollte auch nicht zu viel Zeit vergehen, maximal eine halbe Stunde. Sobald das erste Kind geboren ist, zieht sich die Gebärmutter zusammen und die Haftfläche für die Plazenta verkleinert sich. In der Folge kommt es auch zu einer Verkleinerung der Sauerstoff-Austauschfläche. Je länger das zweite Kind also in der Gebärmutter verbleibt, umso höher wird das Risiko. Daher muss die Überwachung des zweiten Kindes ohne Unterbrechung erfolgen.

 

 

Wenn die Geburt reibungslos verläuft: Wie lange müssen Mütter und Babys im Krankenhaus bleiben?

Normalerweise bleiben die Frauen im Schnitt drei Tage im Krankenhaus. Der Entlassungstermin der Babys ist stark abhängig von ihrem Gesundheitszustand und ihrer Reife. Wenn es reife Kinder sind, die Untersuchungen unauffällig waren und sonst alles in Ordnung ist, können sie aber auch schon nach drei Tagen mit ihrer Mutter nach Hause.

 

 

 

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Dr. Catherina Lomann ist Oberärztin der Frauenklinik im Elisabeth-Krankenhaus in Essen.