Wenn er ein bisschen Schwanger ist…

Es gibt Lebewesen, die Meister der Anpassung sind: Das Chamäleon zum Beispiel nimmt die Farbe seiner Umgebung an, um sich zu tarnen und so vor Feinden zu schützen. Oder der Fangschreckenkrebs, schwimmt er in grünem Seetang umher, ist er selbst auch grün, auf sandigem Meeresboden dagegen verfärbt er sich hellbraun. Männer werden zwar weder rosa noch hellblau, wenn ihre Partnerin ein Mädchen oder einen Jungen erwartet. Aber: Einige von ihnen erleben eine Parallel-Schwangerschaft – mit typischen Anzeichen wie Übelkeit am Morgen, emotionalen Achterbahnfahrten, Heißhungerattacken. 

 

„Wir sind schwanger“, der Satz, der den doppelten Stolz der Eltern in spe ausdrückt, und bei anderen gelegentlich Schmunzeln oder Augenrollen hervorruft, ist also gar nicht so unwahr. In einer indischen Studie aus dem Jahr 2014 gaben werdende Väter an, dass sie vor allem von Verdauungsstörungen, Appetitveränderungen, Müdigkeit und Kopfschmerzen geplagt würden. Auf der Liste mit psychischen Symptomen rangierten Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit an oberster Stelle, gefolgt von Albträumen und vermehrter Rührseligkeit. Bemerkbar mach(t)en sich die Beschwerden einer solchen Ko-Schwangerschaft hauptsächlich in den ersten und letzten drei Monaten.

 

 

Das Couvade-Syndrom

Ein verblüffendes Phänomen, das einen Namen hat: Couvade-Syndrom (vom französischen couver = ausbrüten). Betroffen davon ist – nach Einschätzung des Psychologen Harald Werneck von der Universität Wien, der seit zwei Jahrzehnten Väterforschung betreibt – etwa jeder fünfte Bald-Papa. Warum jedoch manche Männer derart körperlich mit ihren Frauen mitfühlen, konnten Wissenschaftler noch nicht gänzlich klären. Die einen meinen, für Y-Chromosomträger ist eine Schwangerschaft so suspekt, dass sie sie nur begreifen können, wenn sie sich voll und ganz in den weiblichen Körper hineinversetzen. Die Vermutung anderer geht dahin, dass künftige Väter in den neun Monaten, in denen nicht (!) sie die Hauptrolle spielen, verunsichert sind, sich vernachlässigt fühlen und eine Art Gebärneid entwickeln. Wieder andere sprechen von einer hormonellen Umstellung, die den Körper des Mannes auf die Pflege des Nachwuchses einstellen und die väterliche Fürsorge in Gang setzen soll. Und auch eine Kombination aus diesen Aspekten ist nicht auszuschließen.

 

Fakt jedenfalls ist, dass Völkerkundler seit dem 19. Jahrhundert Rituale beobachten, mit denen sich Männer in traditionellen Kulturen auf den Tag X vorbereiten – in dem sie sich zu simulierten Geburten in Gebärhütten zurückziehen oder sich verhätscheln lassen, als seien sie selbst schwanger. Und auch wenn moderne Männer aus der Vaterschaft inzwischen Stärke und Erfüllung ziehen, Vater werden ist (wie Mutter werden) nicht leicht, es ist vielmehr eine turbulente Herausforderung, die es zu bewältigen gilt.

 

 

Das Bäuchlein wächst nicht nur bei der Frau

couvade-syndrom_kleinUnd, huch, ja, unglaublich, nicht selten wächst auch bei ihm ein Bäuchlein. Bei einer Onepoll-Umfrage unter 5000 britischen Männern kam heraus, dass werdende Väter im Schnitt 6,35 Kilo zunehmen. 25 Prozent der Befragten sagten, sie würden aus Solidarität mit der Partnerin mehr essen, damit diese sich mit ihren zunehmenden Rundungen nicht schlecht fühle. 22 Prozent gaben an, mit der Partnerin öfter essen zu gehen, um die verbleibende Zeit bis zur Geburt zu zweit intensiv zu nutzen. Außerdem war von herumliegenden Knabbereien und Süßigkeiten die Rede und davon, dass ihre schwangeren Frauen größere Mengen als früher gekocht hätten.

 

Aber das Schlemmen allein ist es nicht – zumindest, wenn man einen Blick in die Tierwelt wirft. Weißbüschelaffen bekommen Bäuche, wenn sie Vater werden, und zwar bereits bevor sich bei den Weibchen etwas wölbt, wie man am Wisconsin National Primate Research Center feststellte. Sie futtern demnach nicht aus Empathie Extraportionen, sondern ihr Stoffwechsel verändert sich offenbar so, dass sie zunehmen. Möglicherweise liegt das an Pheromonen, an Signalstoffen, die das trächtige Weibchen aussondert und die über die Luft oder Köperflüssigkeiten in den Organismus des Männchens gelangen.

 

 

Am Ende bleibt der oft der Bauch

Ob sich das bei Menschen ähnlich verhält, auch da bedarf es noch weiterer Forschung. Auffällig ist „nur“, dass sich bei ihm wie bei ihr während der Schwangerschaft der Hormonhaushalt verändert. Untersuchungen zeigen, dass in seinem Blut beispielsweise ebenfalls das Milchbildungshormon Prolaktin zu finden ist, wenn auch in geringen Mengen, dass der Cortisonpegel steigt, der Wert jenes Stoffes erhöht ist, der Mütter mitfühlender auf Babyschreie reagieren lässt, und dass die Testosteron-Produktion gedrosselt wird. Kurzum: Die Natur sieht zu, dass er weniger das Alpha-Männchen herauskehrt, sich weder zu Risiken noch zu Seitensprüngen hinreißen lässt, und dafür mehr Brutpflegeverhalten an den Tag legt. Kommt das Baby dann auf die Welt, verschwinden die Couvade-Symptome in der Regel. Das einzige, das länger bleiben könnte, ist sein Bauch. Die Lösung des dicken Problems: den Liebsten zum (ab)trainieren bewegen. Oder ihn zur Rückbildungsgymnastik für Väter (gibt’s!) anmelden.