So erzieht man Zwillinge und Mehrlinge ohne dabei auf der Strecke zu bleiben.

Wie zieht man eigentlich Zwillinge und Drillinge groß?

Interview mit Frau Elian Zürcher, lic. phil. Psychologin und Psychotherapeutin FSP, selbst Mutter von Drillingen

Stillen, Wickeln, Schlafen – gerade bei Zwillingen oder Mehrlingen wird das zur großen Herausforderung. Wie der Alltag trotzdem gelingt, verrät Elian Zürcher. Sie ist Psychologin und selbst Drillingsmama und bietet Vorbereitungskurse und Beratungen für Zwillings- und Drillingseltern an.

 

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Elian Zürcher, lic. phil. Psychologin und Psychotherapeutin FSP, ist selbst Mutter von Drillingen und arbeitet in eigener Praxis in der Schweiz. Sie hat einen Geburtsvorbereitungskurs für werdende Mehrlingseltern entwickelt und gemeinsam mit Irène Schmidiger, Hebamme FH und Beleghebamme Neue Frauenklinik Luzern, verwirklicht. Im Internet: www.psymanagement.ch und www.mehrlingsmanagement.ch

 

 

Frau Zürcher, Sie haben selbst Drillingsmädchen. Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, gleich wahnsinnig zu werden?

Ach, das kommt immer mal wieder vor! Meine Mädchen sind jetzt knapp zwei Jahre alt. Da wird oft lauthals ums gleiche Spielzeug gestritten. Das geht natürlich manchmal an die Nerven – ist aber nur von kurzer Dauer. Wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass das sich Behaupten und um ein Spielzeug zanken normal ist und zur Entwicklung dazugehört. Würden die Kinder keine Bedürfnisse äußern, dann müsste ich mir viel mehr Sorgen machen.

 

Und? Was machen Sie, damit Ruhe einkehrt und alle wieder zufrieden sind?

Meist streiten sich nur zwei meiner drei Mädchen gleichzeitig. Ich versuche dann zu vermitteln oder trenne und beschäftige sie mit etwas anderem. Sollte das Ablenken nicht funktionieren, kommt jemand kurz ins Laufgitter. Dort sind sie nämlich manchmal ganz gerne auch alleine, da sie dann von ihren Schwestern nicht gestört werden und in Ruhe spielen können. Oder ich gehe mit der lautesten Dame kurz in ein anderes Zimmer, andere Reize helfen nämlich, um sich von etwas abzulenken, das man nicht haben kann oder um wieder aus dem Trotzmodus herauszukommen. Meistens sind solche Streitereien ein Zeichen dafür, dass die Kinder langsam müde und überreizt sind. Sie brauchen dann entweder Anleitung beim Spielen zum Beispiel indem ich gemeinsam mit ihnen Bücher anschaue, oder Puzzles mache oder es ist ein Tapetenwechsel nötig, das heißt, dass wir rausgehen zum Spazieren. Sie genießen dann auch eine ruhigere Phase im Kinderwagen, bevor ich sie auf dem Spielplatz wieder laufen lasse. Die Abwechslung macht es aus.

 

elianzuercher_drillingeSie sind Psychologin und bieten Vorbereitungskurse und Beratungen für Zwillings- und Drillingseltern an. Wie ist die Idee entstanden?

Die ersten Monate zu Hause als Familie mit Drillingen waren unglaublich intensiv. Ich habe mir oft gedacht: Mit dem, was wir erleben, könnte man Bücher füllen. Die berufliche Sichtweise als Psychologin hat mich dabei stets begleitet. Früher habe ich in einer psychologischen Praxis gearbeitet, war therapeutisch tätig. Nach der Geburt meiner Drillinge habe ich in Zwillingsforen oder Drillingsgruppen bei Facebook gemerkt, dass immer wieder ähnliche Fragen auftauchen. Viele Schwangere freuen sich zwar sehr auf die Geburt ihrer Babys, machen sich aber auch große Gedanken, wie sie das alles schaffen. So entstand die Idee, einen zweitägigen Vorbereitungskurs für werdende Mehrlingseltern zu entwickeln.

 

Was lernt man in Ihren Kursen?

Gemeinsam mit der erfahrenen Hebamme Irène Schmidiger vermittle ich zum einen die klassischen Inhalte eines Geburtsvorbereitungskurses. Es geht also um die Themen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett – aber immer unter der Berücksichtigung der Besonderheit, dass die Paare Mehrlinge erwarten. Kursinhalte sind aber auch die richtige Vorbereitung und Planung: Welche Ausstattung brauche ich? Wo gibt es Vergünstigungen? Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es? Die Paare lernen zudem praktische Dinge, z.B. zeigen wir verschiedene Stillpositionen mit zwei Babys, wir demonstrieren Tragehilfen und besprechen Beruhigungsmöglichkeiten. Ebenso sind die Organisation des Familienalltags sowie eine Tagesstruktur wichtige Themen.

 

Welche Sorgen sind typisch für werdende Mehrlingseltern?

Ganz klar: Die größte Sorge ist, allen gerecht zu werden. Oft werde ich gefragt, wie man es am besten hinbekommt, die Babys gleichzeitig zu füttern oder zum Schlafen zu bringen.

 

Ihre Empfehlung?

Eine feste Tagesstruktur ist extrem hilfreich. Die zentralen Fixpunkte waren bei uns die festen Fütterungszeiten alle vier Stunden. Drillinge kommen meist mit einem solchen Rhythmus aus der Klinik nach Hause – egal, ob sie nun teilweise gestillt, mit abgepumpter Muttermilch oder Flaschenmilch gefüttert werden. Diese Zeiten haben wir immer eingehalten und unsere Drillinge anfangs stets zu zweit gefüttert. War mein Mann nicht zu Hause, kam eine der Omas vorbei. Bei Zwillingen sieht das schon wieder viel flexibler aus, man kann Tandemstillen, gleich nacheinander stillen oder gleichzeitig mit der Flasche füttern. Einen gewissen Rhythmus würde ich aber – wenn immer möglich – empfehlen. Das gibt einem Freiheiten in der Zwischenzeit. Allerdings ist nebst der Struktur bei Mehrlingen auch viel Kreativität gefragt.

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja. Während der Säuglingsphase hatte mein Mann drei Monate unbezahlten Urlaub und wir hatten irgendwann festgestellt, dass wir vor Mittag eigentlich kaum je etwas gegessen haben. Solange wir zu Hause waren, hatten wir immer alle Hände voll zu tun: quengelnde Kinder beruhigen, Milch abpumpen, Fläschchen vorbereiten, spülen, Wäsche machen etc.. Da unser Morgenspaziergang sowieso zur festen Tagestruktur gehört hat und unsere Kleinen im Kinderwagen oder Tragetuch wunderbar schliefen, haben wir gar nicht mehr versucht zu Hause zu frühstücken, sondern haben uns beim Bäcker einen Coffee-to-go und Brötchen geholt und auf einer Parkbank am See gemütlich gefrühstückt während unsere Babys seelenruhig schliefen – übrigens auch im Winter. So konnten wir ab und zu sogar Freunde treffen und uns kleine „babyfreie“ Inseln schaffen, obwohl die Kinder dabei waren. Oder mit ein paar Monaten waren sogar kleine Wanderungen möglich mit Picknickpausen und Milchflasche auf einer Decke.

 

Hört sich entspannt an. Trotzdem ist gerade die Anfangsphase mit Zwillingen oder gar Drillingen extrem anstrengend. Viele junge Eltern sind am Rande der Erschöpfung. Lässt sich das vermeiden?

Natürlich ist vor allem das erste Lebensjahr der Babys sehr intensiv. Es ist völlig normal, dass einem da manchmal alles zu viel wird. Gut ist es, schon während der Schwangerschaft nach Hilfsmöglichkeiten zu suchen und darüber auch mit dem Mann zu sprechen. Also: Gibt es Eltern, Verwandte oder Freunde in der Nähe? Wer könnte sich wo einbringen? Muss man zusätzlich externe Hilfe organisieren? Ich rate immer, das Ganze in einem Wochenplan festzuhalten, möglichst regelmäßig z.B. mit fixem Wochentag und gleich auch mit den Tätigkeiten, bei denen man Unterstützung braucht. Es erspart einem die ständig neue Organisation und ist angenehmer, wenn man einmal mit den Helfern absprechen kann, was sie bereit sind zu tun. Nicht selten ist es für die Mütter nämlich unangenehm, die Familie oder Freunde um Hilfe im Haushalt zu bitten – dennoch wird aber gerade diese Unterstützung oft dringend gebraucht. Wichtig ist auch, sich kleine Ruheinseln zu schaffen.

 

Also nach dem Motto: ein Vormittag Wellness die Woche?!

Nein, das funktioniert ohnehin nicht. Aber meist reicht schon eine kurze Verschnaufpause, um Durchzuatmen und wieder neue Kraft zu tanken. Prima ist es, wenn sich beispielsweise die nette Nachbarin bereit erklärt, an einem festen Tag pro Woche die Babys ein bis zwei Stunden im Kinderwagen zu schieben. Das entlastet ungemein. Vorausgesetzt natürlich, man nutzt diese Zeit, um sich zu erholen und gönnt sich z.B. ein Entspannungsbad in der Wanne oder ein Nickerchen auf dem Sofa.

 


elianzuercher_drillinge_parkGerade bei Zwillingen oder Mehrlingen bestimmt die Organisation des Alltags den Großteil des Lebens.

Stimmt. Das beobachte ich bei vielen Paaren in meinen Kursen. Meist dreht sich alles nur um die Frage, wie man den Alltag am besten organisiert und bewältigt. Das ist auch ganz natürlich. Die meisten Paare denken, dass sich trotz Nachwuchs an der Beziehung nichts ändert, es so weiterläuft wie bisher. Das ist aber nicht der Fall. Gerade Zwillinge oder Drillinge sind eine extreme Herausforderung für jede Beziehung. Leider gerät das oft aus dem Fokus, die Paare konzentrieren sich nur auf die Kinder.

 

 

Wie bleibt man auch als Eltern von Zwillingen oder Drillingen weiterhin ein Paar?

Gut ist es, einen festen Paarabend pro Woche zu vereinbaren – ohne Fernseher und Handy. Gerade im ersten Lebensjahr ist bei den meisten jungen Eltern an Ausgehen und Restaurantbesuche zu zweit noch nicht zu denken. So ein Paarabend kann aber auch zu Hause wunderbar funktionieren. Einfach mit einem leckeren Dessert aufs Sofa setzen und in Ruhe über alles das reden, was einen selbst gerade bewegt. Es ist anfangs vielleicht nur eine gemeinsame Stunde, aber diese tut der Beziehung bestimmt gut!